Frauen verbrachten Kindheit gemeinsam in Stolpe in Hinterpommern

Wiedersehen nach 70 Jahren: Zufall brachte Kindheitsfreundinnen in Homberg zusammen

+
Pure Freude: Die Jugendfreundinnen Lore Hylla (links) und Getraud (Traudl) Gülland trafen sich nach über 70 Jahren wieder. 

Homberg. Es war der Klang der alten Heimat, der Lore Hylla und Gertraud Gülland nach über 70 Jahren wieder zusammenführte.

Die Art, wie Gertraud Gülland sprach, hat Lore Hylla an ihre Kindheit in Stolp in Hinterpommern erinnert. An längst vergangene Zeiten. Also fasste sie nach einer Veranstaltung in Homberg ihren Mut zusammen und sprach Gertraud Gülland einfach an.

„Wo kommen Sie denn her?“, diese Frage war der Anfang einer neuen und doch alten Freundschaft. Immer und immer wieder erzählen die beiden Frauen davon - von ihrer Geschichte. Und immer wieder haben sie dabei Tränen in den Augen, umarmen sich fest und verlieren nie den Kontakt zueinander. Denn den hatten sie viel zu lange nicht.

„Es ist wunderschön.“

Gertraud Gülland war 16 und Lore Hylla 11 Jahre, als sie sich zuletzt sahen. Im Winter rodelten sie zusammen, im Sommer spielten sie mit Murmeln. 1945 war es vorbei mit der unbeschwerten Kindheit. „Wir haben den Krieg als Kinder erstmal nicht so wahrgenommen“, sagt Gertraud Gülland. Doch waren die Flucht und der Verlust der Heimat ein riesiger Einschnitt. „Bis dahin wohnten wir nebeneinander. Ich in der Richthofenstraße 6 und Traudl in der Nummer 5“, sagt Lore Hylla.

Die heute 82-Jährige führte es über Umwege wieder nach Stolp, wo ihre Familie mit einem polnischen Paar lebte. Der Vater fehlte. „Er war bis 1949 in Kriegsgefangenschaft.“ Letztlich zog die Familie nach Chemnitz, wo Lore Hylla 1957 heiratete, Mutter zweier Kinder wurde. Gerne erinnert sie sich an Stolp (heute die polnische Stadt Slupsk) und war mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann mehrfach dort.

Eine Reise, die Gertraud Gülland nicht antreten möchte. Hinter ihr liegt ein beschwerlicherer Weg. Sie erzählt von der Zugfahrt im Viehwagen bei Minus 18 Grad, die viele Vertriebene nicht überlebten. Von Massengräbern, von der Zeit im Lager in Anklam, der schweren Arbeit und Läusen, die sie knackten. Die Erinnerung schmerzt die 87-Jährige. 1946 kam Gertraud Gülland nach Homberg. Auch sie heiratete und bekam zwei Kinder. Jahrelang pflegte sie ihren Mann.

Viel ist in den sieben Jahrzehnten passiert. Den Heimat-Freundinnen, wie sie sich nennen, geht der Gesprächsstoff nicht aus. Sie haben Fotos angeschaut und schwelgten in Erinnerungen. Geweint und gelacht. Sie treffen sich öfter und telefonieren miteinander. „Uns fällt immer noch was ein. Es ist wunderschön. Jetzt hoffen wir, dass wir lange leben, damit wir viel voneinander haben“, sagt Gertraud Hylla und schmatzt ihrer Traudl einen Kuss auf die Wange.

Vielleicht, sagen sie, sind sie sich schon in Homberg begegnet. Nur erkannt haben sie sich nach all der Zeit nicht. Dafür sorgte erst der Klang der alten Heimat.

Quelle: HNA

Mehr zum Thema

Kommentare