Schauspieler Thomas Freitag gab sich auf der Bühne in Bad Emstal gesellschaftskritisch

„Wir sind alle nicht besser“

Brillant: Thomas Freitag ist zwar nicht Autor seines aktuellen Bühnenstücks „Der kaltwütige Herr Schüttlöffel“, macht es durch sein geschicktes, intelligentes und pointiertes Spiel doch zu seinem eigenen. Auf Einladung der Volksbühne Bad Emstal begeisterte er am Samstagabend im Kursaal. Foto: zhf

Bad Emstal. Stimmenwirrwarr tönt aus den Lautsprechern und verwandelt den Bad Emstaler Kursaal am Samstagabend in einen Tatort. Dann ein lauter Knall. Bücher fliegen aus den Regalen, die auf der Bühne als Kulisse dienen.

Es sind keine gewöhnlichen Bücher, es sind Geiseln, die der Bibliotheksangestellte Schüttlöffel in seine Gewalt gebracht hat.

Die Stadtverwaltung will aus Kostengründen seinen Arbeitsplatz dicht machen, was es mit allen Mitteln zu verhindern gilt.

Zeitgeist und politischer Irrsinn sind es, gegen die sich Schüttlöffels Wut richtet. Gegen angebliche Alternativlosigkeit, gegen das Sparen an der Kultur, Schnäppchenjagen, Kapitalismus und Gleichmacherei.

Für Schauspieler Thomas Freitag eine ideale Vorlage, die ihm mit Dietmar Jacobs ein Grimme-Preisträger auf den Leib geschrieben hat, der auch schon für den feinsinnigen Humor preisgekrönter TV-Shows wie „Stromberg“ oder die „heute-Show“ verantwortlich zeichnete. So ist es nicht verwunderlich, dass Freitag in „Der kaltwütige Herr Schüttlöffel“ gewohnt pointiert und witzig ein überzeugendes Bild gesellschaftlicher Befindlichkeiten abliefert.

Wer den in Alsfeld geborenen Künstler kennt, der weiß, dass dies nicht ohne den so ungeliebten Spiegel geht, den er auch seinen gut 200 Zuhörern in Bad Emstal vorhält: Brauchen wir in Marokko gepulte Nordseekrabben? Geländewagen, obwohl Drei-Liter-Autos möglich wären? Warum rennen wir zu Penny und Lidl und vergessen Tante Emma, bestellen aus Bequemlichkeit bei Amazon, nehmen dabei in Kauf, dass der Buchladen um die Ecke schließen muss?

Leichtfüßig unterwegs

Auf der Suche nach Antworten galoppiert Freitag leichtfüßig von Rolle zu Rolle. Da muss Friedrich Schiller der Profitgier seines Verlegers folgen und seine „Räuber“ überarbeiten. Der Pommesbudenbesitzer von nebenan steht dank der Fast-Food-Konzerne kurz vor dem Bankrott - und das, obwohl seine Pommes im Gegensatz zu den Zahnstochern von McDonalds noch schön dick und voller Fett sind, sodass sie nach dem Abkühlen sogar als Labello verwendet werden könnten. Auch Karl Marx ist dem Konsumterror erlegen, hat sich einen Dreierpack Tennissocken „made in China“ gekauft. Bei einem Preis von 2,30 Euro muss er sich eingestehen: „Meine Ideen sind super, sie hauen aber nicht hin, also schmeißt meine Bücher weg.“

Auch wenn Freitags temporeiches Spiel für Dauerlacher sorgt, vermag man als Zuschauer zumindest insgeheim seinem Rat folgen zu wollen, sich nicht länger über unfähige Politiker und Manager aufzuregen, denn: „Wir sind alle nicht besser.“

Von Sascha Hoffmann

Quelle: HNA

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