„Wir sind auch Seelsorger“: Pia Will ist Nachtwache im Seniorenzentrum

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Arbeit am Computer, wenn Zeit bleibt: Pia Will im Dienstzimmer von Station drei. Seit gut 18 Jahren ist die Naumburgerin als Nachtwache im Seniorenzentrum Wolfhagen.

Wolfhagen. Arbeitszeit statt Schlafenszeit: In vielen Berufen wird die Nacht durchgearbeitet. In einer Serie begleiten wir Menschen, die ihrem Beruf nachgehen, während andere schlafen.

Heute: Besuch im Seniorenzentrum Wolfhagen.

Um Mitternacht ist es ruhig auf Station drei im Seniorenzentrum Wolfhagen. Für Pia Will bleibt Zeit, am Computer zu arbeiten. Die Naumburgerin ist sechs bis acht Mal im Monat als Nachtwache im Altenheim an der Karlstraße im Dienst, von 20.15 am Abend bis 6.45 Uhr am nächsten Morgen. Und das seit nunmehr 18 Jahren.

Für 51 Frauen und Männer ist sie in der Nacht auf ihrer Station verantwortlich, zwei Kolleginnen kümmern sich um die anderen Stationen im Haus. Langeweile komme nie auf, sagt sie. Das würden allerdings viele Menschen denken. „Ich würde es den Bewohnern gönnen, nachts durchzuschlafen“, sagt Will. Doch das klappe nur bei wenigen.

Doch erstmal bleibt Zeit für die Dokumentation. Um 21 Uhr hat Will die vorbereiteten Medikamente ausgegeben und um 22 Uhr Blutzucker bei den Diabetikern gemessen und ihnen eine Nachtmahlzeit gegeben, auch die erste Nachtkontrolle hat sie schon hinter sich. Das alles muss sie in den digitalen Patientenakten eintragen. Bewohner für Bewohner klickt sie sich durch das Programm, setzt Häkchen bei den erledigten Aufgaben, trägt Werte und Auffälligkeiten ein.

„Wir müssen wirklich alles dokumentieren“, sagt Will. Hat der Bewohner genug getrunken, und wenn ja wie viel? Ist eine Infusion nötig? Wurde die Einlage gewechselt und die Kleidung gerichtet? Während Will am PC arbeitet, ist die Tür zum Dienstzimmer geöffnet. So bekommt sie mit, wenn jemand sein Zimmer verlässt. Oft sind das die „Läufer“, Demenzkranke, die oft nachts unterwegs sind.

Beine vertreten in der Nacht 

Noch lässt sich niemand blicken, das Telefon, das sich meldet, sobald ein Bewohner klingelt, schweigt. Will sortiert derweil gespülte Medikamenten-Becher ein, räumt die Spülmaschine aus und stellt Wäschewagen mit Bettwäsche und Handtüchern bereit, die am nächsten Morgen zum Waschen abgeholt werden sollen.

„Man weiß nie, was auf einen zukommt, wenn man zum Dienst kommt“, sagt die Gesundheits- und Krankenpflegerin. Sie arbeite mit Menschen, da könne man im Vorfeld nicht alles planen.

Um 1.35 Uhr klingelt das Telefon, Pia Will geht sofort los. Auf dem Weg zum Zimmer der Frau zieht sie sich Handschuhe über, klopft schließlich an die Zimmertür. „Mir ist schlecht“, sagt die Frau zu Pia Will. Ob sie brechen müsse, fragt Will. Nein, sagt die Senioren, aber der Bauch drücke. Will geht zurück ins Dienstzimmer, schaut in die Akte der Frau und entscheidet dann, ihr ein paar Tropfen eines pflanzlichen Mittels zu geben.

Auf dem Flur ist derweil ein „Läufer“ unterwegs, vollständig angezogen. Ob er nicht noch einmal schlafen wolle, fragt ihn die 46-Jährige. Der Mann will nicht, möchte sich lieber die Beine vertreten. Da klingelt das Telefon wieder, eine Bewohnerin muss zur Toilette. „Na dann kommen Sie mal“, sagt Will, als sie das Zimmer betritt. Sie hilft der Dame ins Bad und wartet auf dem Flur, bis sie fertig ist.

„Wir sind auch mal Seelsorger“, erzählt Will auf dem Weg ins Dienstzimmer. Man merke, wenn jemand traurig sei. „Dann nehme ich mir auch mal die Zeit und setze mich dazu.“ Vor allem, wenn die Person im Sterben liege. Der Umgang mit dem Tod gehöre zum Job dazu. „Man soll ein Herz haben, darf aber nicht alles mit nach Hause nehmen.“

Wenn sie morgens vom Dienst kommt, liest sie noch ein paar Seiten in einem Buch, doch schon bald fallen ihr die Augen zu, sagt sie. „Drei bis vier Stunden schlafe ich.“ Mehr sei nicht drin, doch der Körper sei daran gewöhnt. Im Tagdienst wolle sie auf keinen Fall arbeiten.

Als sie gegen 2.30 Uhr zur zweiten Kontrolle aufbricht, um in den Bewohnerzimmern nach dem Rechten zu sehen, sitzt der demenzkranke Herr noch im Sessel, mittlerweile schlafend. Später wird sie ihn wieder ins Bett bringen.

Quelle: HNA

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