Welt als großes Chaos - Wohnheim für Autisten in Borken

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Am Abend ist Vorlesestunde: Anke Möglich (links) liest Erzieherin Kathrin Krüger gerne vor. In ihrem Zimmer hängen selbst gemalte Bilder, auf dem Tisch liegen 1000 Puzzleteile.

Borken. Als Anke Möglich in ihr neues Zuhause in Borken einzog, gab es Hackbraten. Das weiß sie ganz genau, so wie auch das Datum: es war der 18. März 1996. Sie erinnert sich auch genau, was am Tag zuvor geschah.

Die 50-Jährige war die erste Bewohnerin im Haus Maranatha, in dem 19 Menschen mit autistischer Behinderung wohnen. Anke Möglich redet schnell, man kann ihr manchmal kaum folgen. Sie erzählt von ihrer Arbeit in der Montage, am Webstuhl und beim Teppichknüpfen; davon, dass sie gerne backt und sich ihr Essen selber kocht - Bratwurst, Eier, Hackbraten, Leberkäse, Gulasch.

Anke Möglich war vor kurzem mit Erzieherin Kathrin Krüger in Heidelberg, Geld dafür hatte sie zum 50. Geburtstag bekommen. Sie erzählt im Schnelldurchlauf davon: Museum, Sauna, Hotel, Picknick - es ist nicht immer leicht, ihr zu folgen.

Was sich im Kopf der 50-Jährigen abspielt, kann man allenfalls erahnen. Die Autistin erlebt die ganze Welt als ein großes Chaos, so beschreibt es ihre Mutter Helga Haase. In diesem Chaos versucht sie eine Spur zu finden, die sie beruhigt.

Für viele Betroffene sind das genaue Regeln und stetige wiederholte Sätze, die zum Beispiel beschreiben, was als Nächstes ansteht. Anke Möglich sagt immer wieder, dass gleich das Foto für die Zeitung gemacht wird und sie dann an ihren Arbeitsplatz gehen wird.

„Jetzt ist genug“, sagt sie irgendwann, und das Gespräch ist beendet. In der Arbeit der Einrichtung, die zum Diakoniezentrum Hephata gehört, ist es ein wichtiger Grundsatz, darauf zu achten, welche Bedürfnisse die Bewohner haben. „Sie prägen das Bild und sind authentisch“, sagt Haase, die auch Sprecherin der Einrichtung ist, also die Verbindungsfrau zwischen Mitarbeitern und Bewohnern.

Es war ein dorniger Weg, bis Möglich in Maranatha ankam, erzählt ihre Mutter. Erst im Alter von elf Jahren gab es die korrekte Diagnose. Für die Eltern war das eine Erlösung, denn nun wussten sie, woran sie mit ihrer Tochter waren.

Ein spezielles Haus

Es gab Zeiten in anderen Einrichtungen, die vor allem mit Bestrafung gearbeitet hätten. Es gab Zeiten zuhause, in denen die Tochter mit Gegenständen warf und aggressiv wurde. Helga Haase entwickelte gemeinsam mit Mistreitern ein Konzept für ein spezielles Haus für Autisten. Sie kämpfte beim Landeswohlfahrtsverband dafür und holte Hephata ins Boot. 1996 war es dann soweit.

„Für uns ist es wichtig, zu schauen, was jemand kann“, so beschreibt Manuela Morkel das Konzept der Einrichtung, die sie leitet. Den 19 Bewohnern sollen Vertrauen und Sicherheit geboten werden. Krisen könnten oft vermieden werden.

Autisten haben Probleme mit Mitgefühl, doch es gibt diese besonderen Momente; wie der, als Anke Möglich zu ihrer Mutter sagte: „Ich mag dich. Das klappt nicht immer, aber man müht sich.“

Für Borken hat das Diakoniezentrum Hephata weitere Pläne. Neben dem Haus Maranatha, in dem in unmittelbarer Nähe zum Borkener See 19 Autisten leben, gibt es in der Stadt und der Umgebung Standorte für betreutes Wohnen.

Nun hat Hephata ein Grundstück in der Krausgasse in Borken gekauft, auf dem zurzeit noch ein Wohnhaus steht. Dieses soll abgerissen werden. Neu soll dann ein Haus für zwölf Bewohner entstehen. „Dort kann jeder wohnen, der dort wohnen möchte“, sagt Manuela Morkel, Leiterin von Haus Maranatha. Sie wird auch die neue Einrichtung führen, die kommendes Jahr fertig werden soll, wenn alles nach Plan läuft.

Die Borkener Einrichtungen sollen unter dem Namen „Wohnverbund Borken“ firmieren. Es sei auch denkbar, dass bisherige Bewohner von Maranatha in das neue Haus einzögen, wenn sie das wollten.

Die Bewohner von Maranatha seien in der Stadt gut integriert, sagt Morkel. Sie seien im Geschäftsleben der Stadt, in der Kirche und auch im Schwimmbad und der Sauna präsent.

Dabei sei es auch schon zu lustigen Situationen gekommen. Bei einer Einkaufstour habe einmal ein Maranatha-Bewohner beschlossen, im Bus vor dem Geschäft zu warten. Als die Betreuerin wiederkam, war der Mann verschwunden. Die Suche war schnell beendet, denn er wurde in einem Geschäft wiedergefunden. Dort hatte er sich an eine Kasse gesetzt, an der sich inzwischen schon eine längere Schlange gebildet hatte, erzählt Morkel. Die anderen Kassiererinnen seien so beschäftigt gewesen, dass sie nichts bemerkten. (ode)

Von Olaf Dellit

Quelle: HNA

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