„Zahl der psychisch Kranken steigt“

Hofft auf mehr Wertschätzung: Holger Höhmann, Vorsitzender der Fachgruppe Psychiatrie der Krankenhausdirektoren äußert sich im Interview über die Versorgungslage und Pläne für die Zukunft. Foto: Ulbrich

Bad Emstal. Derzeit tagt die Fachgruppe Psychiatrie des Verbandes der Krankenhausdirektoren (VKD) in Merxhausen. In den Räumen der Klinik von Vitos Kurhessen diskutieren 130 Direktoren aus ganz Deutschland unter anderem über Neuerungen bei der Behandlung von Patienten mit psychischen Erkrankungen.

Wir sprachen mit dem Vorsitzenden der Fachgruppe, Holger Höhmann, über die gegenwärtige Situation und die Prognosen für die Zukunft.

Herr Höhmann, wie beurteilen Sie die Versorgungslage im psychatriesch/psychosomatischen Bereich in Deutschland?

Holger Höhmann: Wir sind im Rahmen der Möglichkeiten sehr gut aufgestellt in Deutschland, dies gilt auch für den europaweiten Vergleich. Aber es gibt natürlich auch einige Probleme, die es zu lösen gilt.

Welche Probleme meinen Sie konkret?

Höhmann: Einerseits steigt die Zahl der psychischen Kranken kontinuierlich an, somit auch in den psychiatrischen Krankenhäusern, hinzu kommt eine chronische Überbelegung der Einrichtungen. Während die Verweildauer sich von einst über 40 nun im Durchschnitt auf 22 Tage reduziert hat, verdoppelte sich die Zahl der Fälle in den letzten zehn Jahren. Aktuelle Studien gehen inzwischen davon aus, dass künftig jeder sechste Mensch im Laufe seines Lebens psychisch erkranken könnte.

Wie ist es um die wirtschaftliche Situation im Bereich der psychatrieschen Versorgung bestellt?

Höhmann: Wir leiden seit Jahren an einer Unterfinanzierung unserer Häuser. Das hat unter anderem auch damit zu tun, dass die Steigerung der Erlöse seit Jahren hinter den Tariferhöhungen deutlich zurück bleibt. Noch gravierender aber ist die Tatsache, dass die Investitionen der Einrichtungen größtenteils selbst finanziert und somit auch erwirtschaftet werden müssen. Die Bundesländer müssten diese Investitionen bezahlen, viele kommen ihrer Aufgabe nicht nach.

Welche Ideen gibt es, um eine Verbesserung der Situation zu erreichen?

Höhmann: Zum einen soll es ab 1. Januar 2013 ein neues Vergütungssystem geben, das nach heutiger Einschätzung von Fachleuten von der Krankenhausseite für unfertig und nicht hilfreich gehalten wird. Der Entwurf dieses Vergütungssystems beinhaltet andere Grundlagen, Basis ist nicht mehr wie bisher der Behandlungstag sondern Diagnose und Verweildauer des Patienten. Die psychiatrischen Kliniken und Abteilungen werden über andere Behandlungsformen nachdenken. Dazu gehört sicher auch die Qualifikationen in den Behandlungsteams zu überdenken.

Spielen die Pflegekräfte nicht auch eine besondere Rolle bei der Behandlung von Patienten mit psychischen Erkrankungen?

Höhmann: Absolut. Das Pflegepersonal ist im ständigen Kontakt zu den Patienten, wesentlich häufiger als Therapeuten und Ärzte etwa. Damit sind sie ganz nah dran an den Menschen und haben einen wesentlich größeren Anteil am Behandlungserfolg, als dies von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Apropos Öffentlichkeit. Wie beurteilen Sie die Wahrnehmung in der Gesellschaft von psychischen Erkrankungen?

Höhmann: Nach wie vor problematisch. Wir müssen wegkommen von der Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Die psychatrischen/psychosomatischen Kliniken sind längst keine Klappsmühlen mehr. Eine psychische Erkrankung kann jeden treffen.

Nicht nur deshalb verdienen psychisch Kranke viel mehr Aufmerksamkeit und Respekt, insbesondere deshalb weil eine psychische Erkrankung oft zum sozialen Abstieg des Betroffenen führt. Allerdings rückt die Thematik zum Glück immer mehr ins öffentliche Interesse. Ich hoffe, dass wir eines Tages dahinkommen werden, dass sich niemand mehr scheut zuzugeben, dass er psychisch krank ist.

Quelle: HNA

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