Pogromgedenken: Theodor Hoffmeyer las aus Biografie des Zeitzeugen Gert Schramm

„Zeit hat hart gemacht“

Bewegend: Theodor Hoffmeyer brachte den Zuhörern das Martyrium, das Gert Schramm (82, links) im KZ Buchenwald erlebte, eindringlich näher. Foto: Rose

Trutzhain. Mit 14 Jahren wird Gert Schramm von der Gestapo verhaftet. Das war 1944. Nach einer zermürbenden Gefängnis-Odysee bringt man ihn als 16-Jährigen und damit jüngsten farbigen Häftling ins KZ Buchenwald. Nur dank der Courage seiner Mithäftlinge hat der heute 82-Jährige das Martyrium aus physischer und psychischer Grausamkeit überlebt. Seine Erinnerungen hat Schramm in der Biografie „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ festgehalten: Theodor Hoffmeyer las daraus am Mittwochabend in der Gedenkstätte Trutzhain. Die Zuhörer nahmen sogar noch im Flur Platz.

Gert Schramm, Sohn einer Deutschen und eines US-Amerikaners, wuchs behütet in Langensalza in Thüringen auf, als „irgendeine, mir bis dahin fremde Macht in mein Leben geriet“: So beschreibt Schramm den Tag seiner Verhaftung. Wochenlang wird der Junge in kargen Zellen eingesperrt, von SS-Offizieren schikaniert, beschimpft und gedemütigt. Die brutalen Verhörmethoden hinterlassen deutliche Zeichen an den Körpern der Mithäftlinge: „Manche kamen mit Platzwunden und Hämatomen in die Zelle zurück, andere verschwanden ganz.“

Vom Weimarer Gestapo-Knast brachte man Schramm im März 1944 schließlich zum Güterbahnhof, in eine Großraumbaracke. „Zusammen mit russischen Kriegsgefangenen musste ich Luftschutzgräben ausheben“, erzählt der 82-Jährige. Beim Marsch zu einer Obstplantage – wo die Häftlinge arbeiten sollten – trat ein junger Mann aus dem Glied aus und riss sich einen Apfel ab. „Da lud einer seine Waffe durch und schoss ihm in den Kopf – seinen Körper mussten wir mit zurück schleppen.“

Im Juli 1944 wird Gert Schramm ins KZ Buchenwald überstellt. „Die anderen Häftlinge rasierten uns alle Haare vom Körper weg, und bei der Untersuchung erhielt ich einen solchen Tritt in den Arsch, dass ich kopfüber in die Entlausungsbrühe fiel“, beschreibt der 82-Jährige das Martyrium. Gert Schramm ist Numer 49489. Er lernt, die Leichen, die täglich zuhauf aus den Boxen – den Schlafstätten, wo Menschen wie die Heringe lagen – zu übersehen. „Die Zeit hat mich hart gemacht. Wenn ich Buchenwald besuche, rührt mich das kaum noch“, sagt Schramm, der sich seit Jahren im Buchenwald-Komitee engagiert und sich für Aufklärung und gegen Rechtsextremismus einsetzt.

Die Häftlinge in Buchenwald haben sich am 11. April 1945 quasi selbst befreit. „Die Amis kamen erst nach zwei Tagen“, erklärt Gert Schramm. „Ich hörte den Feindalarm und SS-Männer im Laufschritt – das hatte ich vorher noch nie gehört. Da wusste ich, dass es vorbei war.“

Von Sandra Rose

Quelle: HNA

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