Vor 70 Jahren

Zugfahrt in den Tod: Treysas letzte Deportationen

Schwalmstadt. Es war der 6. September 1942. Laut Fahrplan setzte sich um 11.12 Uhr vom Bahnhof Treysa aus ein Zug mit einer Reisegruppe in Bewegung, die ihr Ziel nicht selbst bestimmt hatte: Die letzten Treysaer Juden wurden nach Theresienstadt deportiert.

In Treysa mussten Anfang 1942 die verbliebenen Juden, denen die Flucht aus Deutschland aus verschiedenen Gründen versagt war, in das Schönsche Haus, Steingasse 17, in eine Zwangswohngemeinschaft zusammenziehen.

Ein erster Transport verschleppte am 1. Juni 1942 zwölf von ihnen nach Polen. Sie wurden alle umgebracht. Die zweite Deportation erfolgte am Samstag und Sonntag, den 5. und 6. September, betraf die letzten alten Juden aus der Schwalm und ging nach Theresienstadt. Ihr gehörten an: Willi Spier und Frau, Menko Stern und Frau, Simon Mathias und Frau, Tierarzt Höxter und Frau, Frau Settchen Levi, Jeanette Nathan, geb. Schön, Frau Rothschild und Josef Abraham. Letzterer hat als einziger überlebt. Auch Johanna Sonn aus Neukirchen gehörte zwangsweise zu dieser Gruppe.

Nach Abrahams Mitteilungen mussten die zum Transport bestimmten Juden wie Schwerverbrecher von Polizei bewacht in den nach Kassel abfahrenden Personenzug einsteigen, in separate dem Zuge angehängte Wagen, in denen sich bereits Juden aus Marburg, Kirchhain, Allendorf, Neustadt, Momberg befanden.

In Kassel angekommen wurden die Menschen unter polizeilicher Begleitung in der Turnhalle der Bürgerschulen an der Schillerstrasse untergebracht, wo sie auf dem blanken Erdboden übernachten mussten. In Kassel wurde ein Transport mit 755 Personen zusammengestellt. Auf Anordnung der Gestapo bestand das Verbot irgendwelche Schriftstücke mitzunehmen. Wertsachen mussten abgegeben werden. Zur Kontrolle wurden von der Gestapo Stichproben gemacht, in der Art, dass Leute sich nackt ausziehen mussten, was auch Josef Abraham widerfuhr. Vor Abgang des Transportes wurde jedem ein Schriftstück vom Gerichtsvollzieher zugestellt, dass sein Vermögen dem Deutschen Reich verfallen sei. Alsdann wurden sämtliche Transportteilnehmer in geschlossener Formation zum Bahnhof Kassel gebracht. Kranke oder nicht transportfähige Personen wurden in einen Möbelwagen verladen. Das Gepäck musste in Gepäckwagen verladen werden und wurde nie mehr ausgehändigt.

Die Eisenbahnfahrt unter Polizeiaufsicht ging über Bebra, Erfurt, Weimar zunächst nach Chemnitz, wo weitere Juden aus dem Südwesten Sachsens aufzunehmen waren. Die Leute erhielten unterwegs keinerlei Verpflegung, nicht einmal einen Schluck Wasser. Nach zwölfstündiger Fahrt erreichte der Transport Theresienstadt.

Dort war es schon derartig überfüllt, dass die neu angekommenen Menschen auf Hausböden und in Gartenhäusern Unterschlupf finden mussten. Nach circa vier Wochen wurden die ersten Juden weiter nach Polen transportiert. Viele alte Personen bekamen infolge der sehr schlechten Verpflegung einen nicht zu stillenden Durchfall.

Quelle: HNA

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