Zurück in Wolfhagen

Ehemaliger jüdischer Bürger besuchte alte Heimat

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Vor den Toren Wolfhagens: Ralph und Phyllis Mollerick (Mitte) und ihre Freunde David und Evelyn Herschler (links) kamen aus den USA zu Besuch. Bürgermeister Reinhard Schaake und Ehefrau Renate nahmen sie in Empfang. 

Wolfhagen. Eine Reise nach Wolfhagen sei für ihn wie ein „Nach-Hause-Kommen“, sagt Ralph Mollerick (86), ehemaliger jüdischer Mitbürger aus Wolfhagen, der heute in den USA lebt.

Denn 1993 habe sein „zweites Leben“ in Deutschland begonnen. Anfangs habe er noch viel Unsicherheit und Angst verspürt vor einer Begegnung mit dem Land, das ihn zur Flucht gezwungen und den Tod seiner Eltern zu verantworten hatte. Aber der Empfang in seiner Geburtsstadt und die vielen positiven Begegnungen mit Menschen dort haben ihn so beeindruckt, dass er immer wieder gerne zurückkäme. Auch die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wolfhagen, die ihm im Jahr 2013 verliehen wurde, habe ihn sehr berührt.

Buchprojekt geplant

So ist es nicht verwunderlich, dass er zusammen mit seiner Frau Phyllis Wolfhagen schon zum zehnten Mal besucht. Diesmal hat er ein befreundetes Ehepaar, Evelyn und David Herschler aus den USA, mitgebracht. Das hat einen besonderen Grund: David Herschler hat ebenfalls jüdische Wurzeln und möchte ein Buch über Ralph Mollericks Leben schreiben. Der US-Bürger interessiert sich für die Orte, an denen sein Freund gelebt hat. Außerdem möchte er sich mit Menschen unterhalten, die noch Erinnerungen oder Verbindungen zur damaligen Zeit haben. Denn es gibt nur noch wenige lebende Zeitzeugen.

Beide Ehepaare sitzen in gemütlicher Runde mit Günter Glitsch, der als Dolmetscher fungiert, und Bürgermeister Reinhard Schaake mit seiner Frau Renate in dessen Büro im Rathaus. Es ist ein Besuch unter Freunden. Nach Begrüßung und Willkommensgeschenken geht es auf zum alten Wasserwerk am Stadtwald. Von dort oben genießen sie den Blick auf die Stadt, die gelben Rapsfelder und die Photovoltaikanlage. Letztere interessiert Ralph Mollerick besonders, denn er hat als Einziger in seinem Wohnort in Florida, Solarzellen auf dem Dach seines Hauses.

Voller Terminkalender

Lange kann er den Ausblick nicht genießen, denn er hat fast so einen vollen Terminkalender wie der Bürgermeister. Am Nachmittag weilt der rüstige 86-Jährige wieder bei Ernst Klein, Vorsitzender des Vereins „Gegen das Vergessen“ in Volkmarsen. Dort wird er jungen Leuten von seinen Kindheitserlebnissen während des Krieges erzählen. „Es ist mir ein besonderes Anliegen, mit Jugendlichen über Unrecht, Hass und Intoleranz zu sprechen, damit so etwas wie der Holocaust nicht nochmal passiert“, sagt er zum Abschied.

Von Ursula Neubauer

Quelle: HNA

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