In Wabern warten Passagiere auf ihre Züge – 3. Teil der Adventsserie

Zwangspause auf Gleis 4

Punktgenau: Die Uhr am Waberner Bahnhof.

Wabern. Die Dampffahne der Zuckerfabrik steht fast waagerecht, so stark bläst der kalte Wind aus Süden. Auf Bahnsteig 4 zwängen sich kleine Gruppen in die Häuschen mit den Plexiglaswänden. Einen Wartesaal gibt es momentan nicht im Waberner Bahnhof.

Alina Wenghöfer hasst die Wartezeit am Gleis. Die Jurastudentin aus Wabern pendelt täglich in die Universitätsstadt Marburg und kann ein Lied davon singen, wie es ist, wenn der Zug Verspätung hat. Fünf Minuten seien der Normalfall, auch 20 bis 25 Minuten müsse sie, gerade auf der Rückfahrt, häufig warten.

Dem Warten kann sie nichts Positives abgewinnen. „Eigentlich ist es vor allem langweilig“, sagt die 20-Jährige. Dagegen wappnet sie sich mit Musik aus dem MP3-Spieler, gegen die Kälte mit Schal und einem kleinen Heizkissen für die Manteltasche.

Es ist nur noch nervig

Am Anfang ihres Studiums habe sie der Aufenthalt auf dem zugigen Bahnsteig noch nicht so gestört, das war im Oktober. Inzwischen sei es aber nur noch nervig.

Es gibt kaum Möglichkeiten, sich in Wabern abzulenken. Das nächste Geschäft ist weit weg, es gibt momentan noch nicht einmal Zeitschriften zu kaufen. Wer zu viel Zeit hat, könnte auf die Idee kommen, die Einträge auf dem Fahrplan zu zählen: 120 sind es auf dem gelben Abfahrt-Plakat.

In größeren Städten sei es angenehmer, auf einen Zug zu warten, findet Hiltrud Groß-Euler. Wenn man dort weiß, dass der Zug eine Dreiviertelstunde Verspätung hat, kann man nochmal losziehen. Das biete sich in Wabern nicht an.

Die Erzieherin im Ruhestand ist aber kein ungeduldiger Mensch. Bis zu zehn Minuten warte sie auf einen Zug, ohne zu murren, erst danach werde es anstrengend. Um nicht auszukühlen, läuft sie am Gleis umher.

Groß-Euler war Erzieherin in Kleinenglis. Ihr Interesse an Menschen hat sich die 61-jährige offensichtlich bewahrt. Wenn es so gar nichts zu tun gibt am Bahnhof, dann sieht sie anderen Fahrgästen und Passanten zu.

„Jetzt kommt er gleich“, sagt die Hombergerin, als der Zug noch gar nicht angekündigt ist. Sie hat gesehen, wie ein Signal umgesprungen ist. Wer lange wartet, weiß die Zeichen zu lesen.

Dann rollt der Zug ein. Um 11.48 Uhr sollte er Wabern verlassen. Es ist 11.55 Uhr, als sich die Räder wieder in Bewegung setzen. Der Bahnsteig ist leer, das Warten hat ein Ende.

Von Olaf Dellit

Quelle: HNA

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