Zwischen Naturschutz und Naturnutzen: Sebastian von Rotenhan plädierte  für eine höhere Wildabschussquote

Willingshausen. „Ich bin fassungslos“, äußerte sich Sebastian von Rotenhan am Freitag nach einer zweieinhalbstündigen Begutachtung des Wasenberger Waldes. Die Situation sei geradezu erschütternd.

Auf den 460 Hektar Wald der 56 Wasenberger Waldinteressenten bot sich ihm flächenweise ein trostloses Bild. Das jahrzehntelange Festhalten an für den Standort ungeeigneten Fichten, eine mangelnde Verjüngung der Baumbestände, erhebliche Sturmschäden in jüngerer Zeit und der massive Verbiss durch Rehwild hätten den Wald in eine vegetative Einheitszone verwandelt. Von einem stabilen, immer nutzbaren ungleichaltrigen Mischwald im Sinne von Rotenhans scheint der Wasenberger Wald Lichtjahre entfernt.

„Es macht keinen Sinn auf den forstwirtschaftlichen Fehlern der Vergangenheit herumzureiten“, sagte von Rotenhan aber auch. Wichtig sei es, die offensichtlichen Probleme der Aufforstung in den Griff zu kriegen und deren Ursachen, wie die hohe Verbissquote zu bekämpfen. 30 000 Euro staatliche Zuschüsse für die Wiederaufforstung mit Eichen und Buchen gingen, so meint Rotenhan, im wahrsten Sinne des Wortes in die Binsen, weil die Waldbauern mit ihrer Forderung nach einer nochmaligen Erhöhung der Abschussquote für Rehwild auf Seiten der Jägerschaft und Hegegemeinschaften auf taube Ohren stießen. Dies sei eine Situation, die von den Waldeigentümern nicht hingenommen werden dürfe, betonte von Rotenhan. Das Jagdrecht hänge am Eigentum, sagte er und übte scharfe Kritik an der Jagdbehörde, die die Abschussquote bewusst niedrig halte, somit auf breiten Flächen Waldwachstum verhindere und gegen bestehendes Gesetz verstoße.

Von Rotenhan, ehemaliger Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) und Gründungsmitglied des Ökologischen Jagdverbandes (ÖJV) stimmte mit der Forderung der gastgebenden Waldinteressenten überein: Zäune seien für mehrere hundert Hektar Wald keine Lösung. Jeder geforderte Abschuss solle von der Jagdbehörde genehmigt werden. „Die Jagdbehörde muss sich um eine Abschussquote kümmern, die die Artenvielfalt erhält, aber den Wald der Interessengemeinschaft schützt“, sagte er. Keinesfalls wolle er das Rehwild ausrotten, und wie es sich in seinem eigenen und den von ihm betreuten Forstbetrieben gezeigt habe, sei dies durch eine höhere Abschussquote auch nicht der Fall, entgegnete von Rotenhan Kritikern aus der Jägerschaft.

Sebastian von Rotenhan, geboren 1949 in Bamberg, stammt aus einer Adelsfamilie, die durch eine lange Tradition zum Wald geprägt ist. Der private Waldbesitz der Familie erstreckt sich heute über insgesamt 4200 Hektar im fränkischen Rentweinsdorf, im sächsischen Hohenstein-Ernstthal und im brandenburgischen Reuthen. Den forstwirtschaftlichen Familienbetrieb, den von Rotenhan 1978 übernahm und 32 Jahre lang erfolgreich leitete, hat er in diesem Jahr seinem ältesten Sohn übergeben.

Nach dem Abitur studierte von Rotenhan Betriebswirtschaft in Freiburg, Göttingen und St. Paul, Minnesota, USA. Von 1981 bis 1996 war er auf Kreisebene in verschiedenen politischen Ämtern für die Junge Union/CSU tätig; von 1998 bis 2008 war er Mitglied des Bayerischen Landtages. Zur Landtagswahl in Bayern 2008 trat er nicht mehr an. Innerhalb der CSU-Fraktion galt er stets als einer der Hauptkritiker Edmund Stoibers. 2009 trat er aus der CSU aus.

Als Politiker war von Rotenhan maßgeblich an der Reform der Bayerischen Staatsforstverwaltung beteiligt. Die Forderung der Auflösung der Einheitsforstämter und die Schaffung privatrechtlicher Strukturen für die Staatsforste wurden im Rahmen einer Verwaltungsreform gegen ein Volksbegehren umgesetzt.

Von der niederländischen bis zur polnischen Grenze, betreut von Rotenhan bewirtschaftete Forstbetriebe mit einer Fläche von insgesamt 23000 Hektar. Wie im Familienbetrieb, so legt er auch hier Wert auf einen ungleichaltrigen Mischwald, der als Dauerwald immer nutzbar ist. „Der Wald muss so strukturiert sein, dass er alles, was auf dem deutschen Markt vorzufinden ist, beinhaltet, denn es lässt sich jetzt noch nicht voraussagen, welche Art von Bäumen in 30 Jahren gefragt sein wird“, gab er zu bedenken. Es gäbe immer einen Widerspruch zwischen Naturschutz und Naturnutzen, doch sollten Ökologie und Ökonomie möglichst im Gleichgewicht stehen. Seine Familie lebe seit sechs Generationen vom Wald, und schon sein Urgroßvater habe die Stabilität des Mischwaldes verinnerlicht, sagte von Rotenhan. Er selbst bezeichnete sich als einen traditionellen Forstmann, der seinen Kindern und Enkeln einen schönen, stabilen und rentablen Wald hinterlassen will. (hk)

Quelle: HNA

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