Zwischen Wollen und Müssen: Integration auf dem Land in Oberaula

Will in Oberaula bleiben: Mohammad absolviert ein Praktikum im „Hotel zum Stern“ in Oberaula. Er hat eine Ausbildung in Aussicht.

Flüchtlinge als Rettung von Dörfern und Kleinstädten - diese Idee war seit Beginn der Flüchtlingskrise von vielen Politikern zu hören, doch gelingt die Integration und gibt es Perspektiven? Beispiele aus Oberaula im Schwalm-Eder-Kreis.

Im ehemaligen Hotel „Zur Aue“, einem Landgasthof mit dem Charme vergangener Zeiten, ist der 19-jährige Mohammed vorübergehend zu Hause. So wie 14 der 50 Flüchtlinge in Oberaula. Glücklich sieht der junge Mann aus Syrien nicht aus. Verlegen streicht er sich mit der Hand über den Nacken. Einen Deutschkurs hat er nicht besucht - seine Kenntnisse hat er sich im Internet erworben, dadurch war er zu gut für einen Anfängerkurs.

Nach acht Monaten in Oberlaula überkommt ihn die Langeweile: „Man kann hier nichts machen.“ Mohammed ist ein Beispiel für einen schwierigeren Weg der Integration. Er floh kurz vor seinem 18. Geburtstag aus Syrien. Einige, die ihn kennen, meinen, es könnte die Einsamkeit des jungen Mannes sein, die ihn missmutig erscheinen lässt. „Es gibt keine Moschee und halales Fleisch kann ich nur in Homberg bekommen. Vermeintlich kleine Probleme werden durch mangelnde öffentliche Anbindung zu Hindernissen mit großer Wirkung.

In Syrien stand der jetzt 19-Jährige kurz vor dem Abitur, wie er sagt. Wie so viele andere Flüchtlinge verließ er die Heimat, bevor er vom Militär eingezogen werden konnte. Regulär kann er die Schule in Deutschland nicht mehr besuchen. Mit 19 Jahren ist er hierzulande nicht mehr schulpflichtig. Nach weiteren Deutschkursen, die das Kultusministerium etwa auch an Schulen eingerichtet hat, könnte Mohammed dann an einem Abendgymnasium sein Abitur nachholen. „Vielleicht gehe ich auch zu meinen Verwandten nach Duisburg.“ Doch da gibt es das nächste Problem: Mohammed erhielt subsidären Schutz, also einen Aufenthalt für ein Jahr. Damit verbunden ist in seinem Fall eine Residenzpflicht. Reisen darf er, aber Wohnsitz bleibt Oberaula und der Schwalm-Eder-Kreis.

Der 19-Jährige wirkt verloren. Klar ist für ihn nur: „Ich will etwas mit Technik machen, am liebsten Ingenieur werden.“ Er sei ein ehrgeiziger Schüler gewesen. Ein Praktikum oder Ein-Euro-Job sind für ihn nicht interessant.

Deutlich anders stellt sich die Situation bei Mohammad dar, 20 Jahre, ebenfalls Flüchtling aus Syrien. Er wohnt in einer anderen Unterkunft in Oberaula und absolviert seit Wochen ein Praktikum im örtlichen „Hotel zum Stern“. Im weißen Hemd, mit rotem Schlips und dunkler Hose zeigt Mohammad im Hotel, was er gelernt hat. Er zapft ein Bier und grinst bei der Frage, ob er privat gelegentlich auch Alkohol trinkt: „Ja klar, ab und zu“, sagt er.

Mohammad ist einer von wenigen Flüchtlingen, die in Oberaula bleiben könnten. Ein Wunsch, den viele Politiker auf Bundes- und Landespolitik formulieren. Doch die Realität sieht häufig anders aus.

Mohammads Ziel ist nun eine Ausbildung im „Hotel zum Stern“. In Syrien arbeitete er als Hochzeitsfotograf.

In Deutschland, dachte er, könnte er sofort arbeiten und Geld verdienen. „Aber man braucht für alles eine Genehmigung.“ Jetzt will er in die Gastronomie. Und die Chancen stehen nicht schlecht: Hotelchefin Elke Lepper ist mit ihm zufrieden - „verbessert er sein Deutsch, ist er bald ausbildungsreif“, sagt sie. Sie würde ihn ausbilden. „Wir leiden doch unter dem demografischen Wandel und suchen Leute“, sagt sie. Für die Ausbildung braucht er eine B1-Sprachqualifikation. Die könnte er über einen Integrationskurs erhalten - doch der ist bereits angelaufen. Zeit, die Mohammad verloren geht.

Quelle: HNA

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