Rekordversuch unter Wasser

0,004 Meilen unter dem Meer

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Key Largo - Vom Druck zerklumptes Brot und Gäste nur mit Sauerstoffflasche: Zwei US-Dozenten leben seit Wochen in einer Stahlkapsel unter Wasser. Es geht ihnen um den Weltrekord - und um Bildung. Ein Besuch in Florida.

Wenn Jessica Fain morgens aufwacht, schwimmt meistens ein kleiner Schwarm Papageifische an ihrem Fenster vorbei. Aber vor einigen Tagen sah sie auf der anderen Seite des Bullauges plötzlich einen Jungen mit Taucherbrille, der ihr durch die dicke Glasscheibe zuwinkte. Alltag unter Wasser: Zusammen mit ihrem College-Kollegen Bruce Cantrell will die „Aquanautin“ den Unterwasser-Weltrekord knacken.

Wie in einem Terrarium sitzen die beiden Dozenten ihre 73 Tage in der mit Druckluft gefüllten Stahlkapsel ab, in etwa sieben Metern Tiefe in einer Bucht der Koralleninsel Key Largo am südlichen Zipfel Floridas. Wer sich in einen Trockenanzug zwängt, eine Sauerstoffflasche auf den Rücken schnallt und Flossen und Taucherbrille überstülpt, kann durch das trübe Salzwasser zu ihnen nach unten tauchen. Zur „Jules Undersea Lodge“, die vor Puerto Rico einst als Forschungslabor diente und heute als Unterwasserapartment gemietet werden kann, ist es nur ein Tauchgang von drei oder vier Minuten. Cantrell und Fain sitzen dann oft schon in der Nasskammer und begrüßen ihre Gäste, denn nach den vielen Wochen auf rund 28 Quadratmetern ist jede Abwechslung willkommen. Zwar gibt es zwei Schlafzellen und einen Gemeinschaftsraum, einen Fernseher, WLAN-Internet und natürlich den unschlagbaren Blick aus dem Fenster. Aber selbst das trübe Grün kann eintönig werden, wenn nicht gerade eine Gruppe Taucher oder - wie letztens wieder - die in Florida heimischen Seekühe in der Nähe schwimmen.

Anders als ihrem berühmten Vorgänger Jacques-Yves Cousteau und dessen Enkel Fabien geht es ihnen beim Wohnen unter Wasser nicht so sehr um Forschung, sondern um den wissenschaftlichen Nachwuchs. „Es ist cool, schlau zu sein, und Wissenschaft kann Spaß machen“, will Biologie-Professor Cantrell Kindern und Jugendlichen vermitteln. In den USA seien in der Grundschule Naturwissenschaften und Mathe sehr häufig Lieblingsfächer, danach reiße das Interesse plötzlich ab.

Cantrell unterrichtet an keiner renommierten oder großen Uni, sondern am Roane State Community College - einer kleinen Hochschule im landumschlossenen Staat Tennessee. „Wir müssen Stunden und Stunden fahren, um zu einem Ozean zu kommen“, sagt er. Und so halten sie einmal pro Woche eine virtuelle Vorlesung zur Überfischung der Meere, zur Geschichte des Tauchens oder Auswirkungen des Klimawandels. Die Beiträge für den „Classroom Under the Sea“ (Unterwasser-Klassenzimmer) sind auf YouTube verfügbar. Der Hype um den Weltrekord soll helfen, mehr Kinder und Teenager für das Thema zu begeistern.

Laufend wenden sich die „Aquanauten“ in Videochats an Schulklassen aus dem ganzen Land, einige Glückliche können die beiden gar zum Lunch unter Wasser besuchen. Sorgfältig beantworten Cantrell und Fain die Stapel an Post von Schülern, die Fragen über Fragen haben - von „Habt ihr schon Haie gesehen?“ bis „Stinkt ihr?“. Fast wirken der 63-jährige, gelassene Cantrell und die 25 Jahre alte, lebhafte Fain wie Vater und Tochter. Seit vier Jahren arbeiten sie zusammen am College in Tennessee, ganze 14 Monate bereiteten sie ihren Versuch vor. Gestritten oder genervt haben sie sich da unten nicht. Über die Wochen ist Normalität eingekehrt.

„Ich putze mindestens jeden zweiten Tag die Fenster“, sagt Fain, Cantrell schrubbte die Lodge letztens von außen. In wasserdichten Kisten wird ihnen von Lebensmitteln über frische Wäsche bis zur Pizza auf Bestellung alles gebracht, pro Tag kommt mindestens eine Mahlzeit. Dass ein Laib luftigen Sandwichbrots vor dem Transport gefroren werden muss, damit es sich bei dem hohen Druck nicht zu einem kleinen Brotklumpen zusammenzieht, mussten auch die erfahrenen Taucher erst lernen.

Wenn sich am Montag der Steg mit Familie, Freunden, Journalisten und Schaulustigen füllen wird und die beiden endlich auftauchen, wird der 1992 aufgestellte Rekord von 69 Tagen unter Wasser geknackt sein. Bis dahin müssen die beiden noch Koffer packen. Und wenn die Party vorbei ist und die Reporter weg sind? „Erst mal gehe ich zum Friseur“, sagt Cantrell.

Von Johannes Schmitt-Tegge

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