Pflegenotstand in Niedersachsen

25.000 Fachkräfte werden benötigt

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Hannover - Der Pflegenotstand spitzt sich zu. Die Zahl alter Menschen steigt, der Branche mangelt es an Nachwuchs. In Niedersachsen verschärfen niedrige Pflegesätze die Lage. Bis 2020 braucht das Land 25 000 zusätzliche Fachkräfte.

Pflegeverbände in Niedersachsen warnen vor einem dramatischen Personalmangel in der Branche. Nach Schätzung des Sozialministeriums braucht das Land bis 2020 rund 25 000 zusätzliche Fachkräfte. "Die Situation in Niedersachsen ist sehr ernst", mahnte Henning Steinhoff, Leiter der Landesgeschäftsstelle des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste. Vor allem aufgrund der niedrigen Pflegesätze sei die Situation im Land besonders schwierig. "Im Westen sind wir das Schlusslicht", sagte Steinhoff. "Wir brauchen mehr Azubis und eine bessere Finanzierung der Pflege", forderte auch der niedersächsische Landeschef des Sozialverbands Deutschland (SoVD), Adolf Bauer.

Nach Angaben des statistischen Landesamts waren in Niedersachsen 2011 insgesamt 270 400 Menschen pflegebedürftig. Das Sozialministerium rechnet allein bis 2020 mit einem Anstieg um 20,6 Prozent auf 326 100 Pflegebedürftige. In Bremen machten im August Kranken- und Altenpfleger gegen Unterbezahlung und Überlastung in der Branche mobil. Dort steigt nach Schätzung der Sozialbehörde die Zahl der rund 22 200 Pflegebedürftigen (Stand: 2011) bis 2020 gar um rund 26 Prozent auf 28 000. Der Personalmangel in der Pflege wird sich demnach dramatisch verschärfen. "In den letzten Jahren wurden vor allem im ländlichen Raum zu wenig Leute ausgebildet", meinte SoVD-Landeschef Bauer.

Dabei steigt die Zahl der Azubis in der Altenpflege allmählich an. 2011 waren laut Sozialministerium rund 6200 Schüler in der Ausbildung, im Schuljahr 2012/2013 bereits 6582. Das Pflege-Problem wird in Niedersachsen aber verschärft, weil die von Kassen, Kommunen und Trägern festgelegten Pflegesätze hier so niedrig sind wie in keinem anderen westdeutschen Flächenland. "Hier liegen die Entgelte durchschnittlich 20 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Dies wirkt sich natürlich negativ bei den Gehältern und auch bei den Personalschlüsseln in den Einrichtungen aus", teilte ein Sprecher des Sozialministeriums mit. "Darunter leiden auch die Patienten", meinte SoVD-Landeschef Bauer.

Der Nachwuchsmangel liegt nach Ansicht der Experten nicht nur an der schlechten Bezahlung, sondern auch am schlechten Image des Berufs. Wegen der Arbeitsbelastung scheiden immer mehr Fachkräfte verfrüht aus der Altenpflege aus. Steinhoff forderte deshalb unter anderem, die Pflege zu entbürokratisieren. "Rund 30 bis 40 Prozent unserer Zeit brauchen wir fürs Schreiben, nicht um Leuten zu helfen." Nach Ansicht der Pflegeverbände kann der Fachkräftemangel nur durch Anwerbungen von ausländischem Personal bekämpft werden. "Bei allen Ausbildungsbemühungen werden wir es nicht schaffen, den Personalmangel in der Pflege in den nächsten zehn Jahren in den Griff zu kriegen", warnte Steinhoff. Die Politik müsse die Anerkennung ausländischer Abschlüsse vereinfachen und sprachliche Hürden senken.

Maßnahmen gegen den Nachwuchsmangel

Nicht erst seit gestern versucht die Politik auch in Niedersachsen, den Personalmangel in der Pflege zu bekämpfen. Mit folgenden Maßnahmen will die Regierung den Nachwuchs in den Beruf locken: - Seit August 2012 sind Altenpflegeschüler in Niedersachsen komplett vom Schulgeld befreit. Die Beiträge wurden von der schwarz-gelben Regierung unter David McAllister (CDU) sukzessive mit staatlicher Förderung ersetzt. Vorher mussten die Schüler für ihre Ausbildung zahlen. Die rot-grüne Landesregierung will die Schulgeldfreiheit nun im Gesetz verankern. - Seit Jahresbeginn versucht Niedersachsen Fachkräfte aus dem Ausland mit einem pflegespezifischen Sprachtest zu locken. Die Prüfung orientiert sich an der Berufspraxis und soll eine Alternative zum schweren Sprachzertifikat sein. Das soll ausländischen Pflegekräften eine schnellere Zulassung zum Beruf ermöglichen. - SPD und Grüne im Landtag wollen die im Jahr 2000 wegen juristischen Streitigkeiten abgeschaffte Ausbildungsumlage wiedereinführen, um die Ausbildung in der Altenpflege solidarischer zu finanzieren. Demnach sollen alle Pflege-Einrichtungen künftig in einen Topf einzahlen - auch diejenigen, die nicht selbst ausbilden. dpa

dpa

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