Landgericht Braunschweig

46-Jähriger wegen Mordes zu 13 Jahren Haft verurteilt

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Foto: Zwei Jahrzehnte nach dem Tod einer jungen Frau hat das Landgericht Braunschweig einen 46-Jährigen wegen Mordes verurteilt.

Braunschweig. - Zwei Jahrzehnte nach dem Tod einer jungen Frau hat das Landgericht Braunschweig einen 46-Jährigen wegen Mordes verurteilt. Das Gericht sprach den Psychiatriepatienten am Mittwoch für schuldig. Der Richter gab zu Bedenken, dass die Betreuer eine Mitschuld an der Tat tragen.

„Ihr Tod war vermeidbar“, sagt der Vorsitzende Richter ganz zum Schluss. Anke R., 23 Jahre alt, hätte am 18. Oktober 1992 nicht sterben müssen, wenn die Betreuer der psychiatrischen Klinik Moringen richtig gehandelt hätten und Thomas H. nicht unbeaufsichtigt nahe St. Andreasberg durch den Harz hätte spazieren können. „Jeder Mensch macht bei seiner Arbeit Fehler“, sagt Richter Ralf Polomski, aber in diesem Fall sei es ein „tödlicher Fehler“ gewesen. Nur Thomas H. musste sich vor der 9. großen Strafkammer am Landgericht Braunschweig verantworten. Das Gericht verurteilt den 46-Jährigen am Mittwoch wegen Vergewaltigung und Mordes zu 13 Jahren und sechs Monaten Gefängnis. Thomas H. hört dem Richter aufmerksam zu. Maik R., den Bruder seines Opfers, schaut er nicht an.

Thomas H. ist seit 1988 wegen mehrerer Sexualstraftaten ununterbrochen Patient im Maßregelvollzug in Moringen. Trotzdem konnte er 1992 Anke R. vergewaltigen und ermorden. Er war damals mit weiteren Patienten und vier Betreuern übers Wochenende im Harz und hatte sich unerlaubt von ihrer Hütte entfernt. Als Anke R. an ihm vorbei spazierte, folgte er ihr.

Nach Überzeugung der Kammer hat er die Vergewaltigung geplant. Als sich Spaziergänger näherten, griff Thomas H. mit beiden Händen ihren Kopf und schlug ihn mehrfach auf den gefrorenen Boden. Den leblosen Körper versteckte er zwischen Nadelbäumen. Erst im März des Folgejahres fanden zwei Mädchen die Leiche. Moderne Analyseverfahren überführten Thomas H. dann 20 Jahre später der Tat.

Das Gericht verhängt entgegen der Forderung der Staatsanwaltschaft am Mittwoch keine lebenslange Freiheitsstrafe. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass H. wegen seiner Persönlichkeitsstörung nur vermindert schuldfähig war, als er tötete. Zudem habe er die Tat in weiten Teilen gestanden. Die Kammer hat auch berücksichtigt, dass Thomas H. auch deshalb bis heute im Maßregelvollzug sitzt, weil er seit 1992 verdächtigt wurde, der Mörder von Anke R. zu sein. In der Psychiatrie bleibt Thomas H. weiterhin. So lange, bis er als geheilt gilt. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, würde H. erst nach einer Entlassung aus der Klinik seine Haftstrafe in einem Gefängnis antreten. Stünde schließlich seine Freilassung an, würde dann noch seine Sicherungsverwahrung geprüft. Der psychiatrische Gutachter, Friedemann Pfäfflin, hatte etwas anderes empfohlen. Er hält Thomas H. weiter für gefährlich. Der Psychiater empfahl, schon jetzt eine Sicherungsverwahrung anzuordnen. Dafür seien die Hürden des Gesetzgebers zu hoch, sagt der Vorsitzende Richter.

Ganz am Ende findet Richter Polomski noch deutliche Worte für das Verhalten der Klinikmitarbeiter. Für die unerlaubten Ausflüge des Angeklagten 1992 im Harz, die durchaus bemerkt wurden und doch folgenlos blieben, „hätte es nur eine Konsequenz geben können: sofort zurück nach Moringen“. Die Worte eines Betreuers vor Gericht, sie hätten damals alles richtig gemacht, hätten auch die Kammer sprachlos gemacht: „Da fehlen auch uns die Worte“, sagt er. Und dann wendet sich Richter Polomski selbst an den Bruder und holt nach, was er sich von den Klinikmitarbeitern gewünscht hat: „Uns zumindest, Herr R., tut es leid, dass es dazu gekommen ist.“ Maik R. schaut ihn einfach nur an. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Der Verteidigung wird Revision einlegen. Anwalt Erich Joester will überprüfen lassen, ob die Freiheitsstrafe nicht mit der jahrzehntelangen Unterbringung in der Psychiatrie zu verrechnen ist. Sein Mandant käme auch dann nicht frei, betont Joester. Er bliebe bis zu seiner Heilung im Maßregelvollzug. Hinterher entfiele jedoch das Gefängnis.

Maik R. wird kreidebleich, als er das hört. Der Bruder hatte gehofft, endlich eine Art Abschluss finden zu können. Er hätte mit der Entscheidung des Gerichts leben können, sagt er. Welche Strafe sei schon gerecht, wenn die eigene Schwester vergewaltigt und ermordet wird. „Recht und Gerechtigkeit sind zwei verschiedene Dinge“, das wisse er. Maik R. war 18 Jahre alt, als seine Schwester starb. Er ist Polizist geworden.

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