300.000-fache Beihilfe zu Mord

93-Jähriger wegen NS-Verbrechen vor Gericht

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Foto: Blick auf schneebedeckte Gleise, die zu den Gaskammern des Konzentrationslagers Auschwitz führten

Hannover - Wegen Beihilfe zu Mord in mindestens 300.000 Fällen muss sich ein 93 Jahre alter früherer Freiwilliger der Waffen-SS in Kürze vor Gericht verantworten. Durch seine Arbeit soll er das systematische Morden in Auschwitz unterstützt haben. Das Verfahren vor dem Landgericht Lüneburg beginnt am 21. April.

Einer der letzten großenNS-Kriegsverbrecherprozesse beginnt am 21. April in Lüneburg. Die Staatsanwaltschaft Hannover wirft dem früheren SS-Unterscharführer Oskar G. vor, im Frühjahr 1944 im Konzentrationslager Auschwitz Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen geleistet zu haben. Das Landgericht Lüneburg hat für das Verfahren gegen den 93-Jährigen aus der Lüneburger Heide insgesamt 27 Termine vorgesehen, wie es am Montag mitteilte.

Der Angeklagte war für das Gepäck der verschleppten Menschen auf der Bahnrampe von Auschwitz mit zuständig und verbuchte das Geld, das sie bei sich hatten. Nach den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft hat er Spuren der Massentötung verwischt, indem er half, Gepäck wegzuschaffen. Dabei sei ihm bewusst gewesen, dass die bei der Selektion als nicht arbeitsfähig eingestuften Häftlinge nach ihrer Ankunft in Gaskammern ermordet wurden. Er habe dem NS-Regime wirtschaftliche Vorteile verschafft und die systematische Tötung von Menschen unterstützt.

55 Nebenkläger haben sich dem Verfahren angeschlossen

Die Anklage beschränkt sich auf den Zeitraum der sogenannten "Ungarn-Aktion". Zwischen dem 16. Mai und 11. Juli 1944 trafen in Auschwitz mindestens 137 Eisenbahntransporte mit rund 425.000 Menschen aus Ungarn ein, von denen mindestens 300.000 in den Gaskammern getötet wurden.

Das Verfahren stößt laut Gericht auf internationales Medieninteresse. Mittlerweile hätten sich zudem 55 Nebenkläger unter anderem aus den USA, Kanada, Ungarn oder Israel angeschlossen, hieß es. Unter ihnen sind nach Angaben ihres Anwaltes Menschen, die als Kinder und Jugendliche das Lager Auschwitz durchlitten haben und Angehörige von Ermordeten.

Aus Mangel an Beweisen: Frühere Verfahren eingestellt

Frühere Ermittlungen gegen Oskar G. hatte den Angaben zufolge die Staatsanwaltschaft Frankfurt 1985 mangels Beweises eingestellt. Das jetzt von der Staatsanwaltschaft Hannover angeklagte Verfahren geht auf Ermittlungen der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg zurück. Diese hatten vor einem Jahr zu bundesweiten Untersuchungen von Wohnungen ehemaliger SS-Angehöriger geführt.

Die Ludwigsburger Zentralstelle war nach dem Prozess gegen den ukrainischen KZ-Helfer John Demjanjuk der Frage nachgegangen, ob es weitere niedere Ränge der SS-Wachmannschaften gebe, die belangt werden könnten. Demjanjuk war 2011 wegen Beihilfe zum Mord in Tausenden Fällen im Vernichtungslager Sobibor verurteilt worden. Dabei reichte die Tatsache, dass er als Wärter Teil der Vernichtungsmaschine war. Das Urteil wurde allerdings nie rechtskräftig, Demjanjuk starb vor der Entscheidung des Bundesgerichtshofs. Bei der in Niedersachsen für die Verfolgung von NS-Verbrechen zuständigen Staatsanwaltschaft Hannover waren nach eigenen Angaben neben dem Verfahren gegen Oskar G. drei weitere Ermittlungsverfahren gegen ehemalige SS-Angehörige aus dem Lager Auschwitz anhängig. Diese wurden aber wegen Todes oder dauerhafter Verhandlungsunfähigkeit der Tatverdächtigen eingestellt.

dpa

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