Lkw-Sicherheitstag in Garbsen

Ablenkung ist oft Ursache für Lastwagenunfälle

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Garbsen - Sie rollen mit 40-Tonnern über die A2, haben statt der stark befahrenen Autobahn aber ihr Smartphone im Blick. Ablenkung und zu geringer Abstand sind Ursache vieler Lkw-Karambolagen.

Die Lastwagen fahren dicht an dicht. An den Auffahrten drängeln sich die Autos in die knappen Abstände, um auf die A2 Richtung Dortmund zu kommen. Plötzlich Bremslichter, die Kolonne kommt ins Stocken. Situationen wie diese am Dienstag bei Hannover sind immer wieder Auslöser schwerer Unfälle auf der Ost-West-Autobahn von Berlin Richtung Ruhrgebiet, einer der am stärksten befahrenen Autobahnen Deutschlands.

23.000 Lkw an Spitzentagen sind auf der Route unterwegs, 3101 Unfälle gab es 2013 auf dem niedersächsischen Abschnitt. Die Folgen sind Tote, Verletzte und Millionenschäden. Mit unterschiedlichen Methoden versucht die Polizei seit Jahren, die Gefahr zu bannen. Am Dienstag gab es einen ersten Lkw-Sicherheitstag.

„Es ist der viele Verkehr und die lange Zeit, die die Fahrer im Führerhaus sitzen“, sagt Lkw-Fahrer Stephan Schlömp, der mit einem Lastzug eines Mindener Stahlhandels auf den Rastplatz Garbsen-Nord einbiegt. Seit Jahren sei der Druck auf die Fahrer, gerade bei den Speditionen groß. Viele Pkw-Fahrer schätzen außerdem die Verkehrslage falsch ein, brächten die Lastwagen damit in Bedrängnis, meint Schlömp zu den Unfallursachen.

Ebenfalls auf die Pkw-Fahrer schimpft Hans-Jürgen Pagel, der gerade mit einem Handfeger sein Führerhaus auskehrt. „Kurz vor der Abfahrt überholen sie uns, dann scheren sie ein und bremsen, um auszufahren“, meint der Fahrer aus Salzgitter. „Ich kann so schnell nicht bremsen, ich habe 25 Tonnen Stahl geladen, die schieben mich.“ Zwar ist in seinem Lastzug eine Abstandskontrolle installiert, die sei aber kaum eine Hilfe, wenn ihn ein Kollege überholt und direkt vor ihm einschert. Dann löse das System eine Vollbremsung aus, sein Hintermann fahre auf. Zu geringer Abstand, Langeweile und vor allem Ablenkung nennt der Leiter der Autobahnpolizei Garbsen, Friedhelm Stucke, als Ursache vieler Unfälle. In den zertrümmerten Führerhäusern fänden die Beamten verschüttetes Essen oder Kaffee sowie laufende Laptops, auf denen die Fahrer Filme angeschaut hätten.

Auch das Surfen oder Chatten mit Smartphones sei zunehmend Auslöser für Karambolagen. „Wir haben mittlerweile nachgewiesen bei schweren Unfällen, dass Smartphones benutzt wurden.“ Überprüfungen nach Crashs hätten ergeben, dass die Fahrer gerade etwas in sozialen Netzwerken gepostet hätten, als es krachte. Sprinterfahrer disponierten auch bei voller Fahrt neue Aufträge und klickten im Computer herum, weiß Stucke.

Manche der Fahrer klemmten sich auch mit Absicht an ihren Vordermann, wie die Polizei von osteuropäischen Fahrern gelernt habe, sagt Stucke. Im Windschatten des Vordermanns nämlich sparten die Brummis 15 Prozent Sprit ein, für einen litauischen Fahrer mit 500 Euro Monatslohn plus einer Spritpauschale Anreiz genug, sich auf dem Wege einige Euros hinzuzuverdienen. Um die Abstandssünder auszubremsen, fährt die Polizei schweres Geschütz auf. Der zivile Polizei-Bulli der Garbsener Autobahnwache hat für 140 000 Euro Technik auf der Ladefläche, um die Verstöße genau zu dokumentieren.

Einmal um die eigene Achse dreht sich auf dem Rasthof das Führerhaus eines Unfallsimulators des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR). Den Fahrern, die während einer Pause hier Probesitzen soll gezeigt werden, wie es ist, wenn ein Lkw umstürzt, sagt DVR-Expperte Jürgen Schöbel. Nur 70 Prozent der Fahrer seien tagsüber angeschnallt, nachts nur ein Viertel, meint er. Fälschlicherweise fühlten sich die Fahrer im Führerhaus sicher. Ein Trugschluss, wie Hauptkommissar Stucke und seine Kollegen angesichts vollkommen zerquetschter Fahrer wissen. „Die Unfallfolgen sind drastisch, was auf die Psyche der Kollegen geht.“

lni

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