Theaterstück „Atalanta"

Afrikanische Piraten entern Wilhelmshaven

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Der Schauspieler Huruma Haule aus Tansania spieltauf dem Gelände des JadeWeserPorts in Wilhelmshaven eine Szene aus dem Theaterstück „Atalanta".

Wilhelmshaven - Mit Seeräuber-Romantik hat die Piraterie am Horn von Afrika nichts zu tun. Von den Opfern der modernen Freibeuter erzählt das Theaterstück „Atalanta", das jetzt in Wilhelmshaven Premiere hatte. Es geht darin um Millionen-Lösegelder - Menschenleben zählen nicht.

Schüsse peitschen durch die Luft. Auf dem Deck schlagen Granaten ein. Piraten kapern den Frachter. Für die Seeleute beginnt eine monatelange Pein: Hunger, Schlafentzug, Folter und Hinrichtungen. Entsetzliche Szenen wie diese spielen sich am Horn von Afrika regelmäßig ab. An diesem Abend ist das Ganze aber nur Theater. Die Kulisse: der neue Tiefwasserhafen in Wilhelmshaven.

In zwei Wochen werden dort die ersten Containerriesen anlegen. Für ihre Besatzungen ist die Arbeit mittlerweile zum Risiko geworden. Im viel befahrenen Golf von Aden müssen sie jederzeit um ihr Leben fürchten. Von den Piratenangriffen vor Somalias Küste und ihren Folgen erzählt das Theaterstück „Atalanta", das am Donnerstagabend im JadeWeserPort uraufgeführt wurde.

Für die neue Produktion der Schauspielgruppe „Das letzte Kleinod" recherchierte Autor und Regisseur Jens-Erwin Siemssen in Deutschland, Kenia und Tansania. Er sprach mit Reedern, mit Seeleuten von entführten Schiffen und mit Marinesoldaten. Sechs Schauspieler, darunter drei aus Afrika, schlüpfen in deren Rolle. In schnellem Tempo wechseln die Sequenzen auf der Bühne: Zwischen gekaperten Schiffen, einer Fregatte und Fischerbooten geht es hin und her.

Deutsch, Englisch, Kisuaheli, ein Soldat in Tarnfleck, Afrikaner in traditionellen Röcken, Kalaschnikows, Natodraht, Trommelmusik - ein buntes Sammelsurium, aber alles Facetten desselben Problems. Von der Piraterie am Horn von Afrika sind viele betroffen. „Das sind nicht nur die Seeleute. Die Menschen an der Küste leiden genauso darunter wie die Reeder", sagt Siemssen. Ihnen allen soll das Stück eine Stimme geben, ihre Gedanken und Gefühle zeigen.

Seine Recherche begann Siemssen in einem Seemannsclub in Bremerhaven. Das Krisengebiet liegt tausende Kilometer von der Hafenstadt entfernt, doch die Auswirkungen bekommt auch Seemannspastor Werner Gerke zu spüren. Ihm vertrauen sich die Besatzungsmitglieder an, die Geiseln von Seeräubern waren. „Es sind traumatische Erfahrungen. Sie werden herumkommandiert, mit Waffen bedroht, körperlich misshandelt. Es ist zutiefst entwürdigend", gibt er die Erfahrungen wieder.

70 Überfälle von Piraten hat es nach Angaben des IMB Piracy Reporting Centres in diesem Jahr bis Ende August am Horn von Afrika gegeben. Elf Schiffe befinden sich noch immer in der Gewalt der modernen Freibeuter - und mit ihnen fast 200 Seeleute. Ihr Martyrium ist für die Zuschauer in Wilhelmshaven zum Greifen nahe. Siemssen lässt seine Darsteller Auszüge aus den Interviews, die er mit Betroffenen geführt hat, sprechen, verdichtet zu emotionalen Dialogen.

Doch die Hauptakteure in diesem Drama fehlen auf der Bühne: die Hintermänner. „Das sind organisierte Kriminelle, die aus der Piraterie in den letzten Jahren ein Geschäftsmodell entwickelt haben", erläutert Kerstin Petretto vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik. Investoren finanzieren die Waffen, die Schiffe, und sie erhalten auch den größten Teil vom Lösegeld. Mehrere Millionen Dollar lassen sich mit einem entführten Frachter erpressen. Das Risiko tragen allein die Angreifer, arme Küstenbewohner, die von einem besseren Leben träumen.

Als am Ende von „Atalanta" das Licht auf der Bühne ausgeht, steht für das Publikum fest: Die Piraterie vor dem Horn von Afrika kennt viele Opfer und nur wenige Gewinner.

dpa

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