„Blauwasserleben“

Albtraum im Paradies

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„Jetzt stirbst du!“: Heike Dorsch genoss das sorgenfreie Leben in der Südsee – bis ihr Freund getötet wurde.

München - 2011 wurde Heike Dorschs Freund in der Südsee getötet. Der Mord an Stefan Ramin ging um die Welt. Jetzt will sie vergessen – dabei helfen soll ihr das Buch, das sie geschrieben hat.

Der Blick in den Gewehrlauf habe alles verändert, sagt sie. Plötzlich stand er vor ihr, dieser Mann, den sie erst wenige Stunden kannte. Er richtete die Mündung des Jagdgewehrs auf ihr Gesicht und sagte: „Jetzt stirbst du!“ Dass er zuvor ihren Lebensgefährten getötet und dessen Körper im Wald verbrannt hatte, wusste sie da noch nicht.

Auch ohne das dramatische Ende wäre es Heike Dorschs Geschichte wert, erzählt zu werden. Es ist die Geschichte eines Aussteigerpaares, einer Weltumsegelung, eines Lebens ohne Uhr und ohne Geldsorgen. Aber es ist auch die Geschichte eines fast unglaublichen Mordes, und als solche ging sie Ende 2011 um die Welt: „Der Südseekiller“, „Mord im Paradies“, „Weltumsegler zerstückelt“ – so lauteten die Schlagzeilen. Boulevardzeitungen sprachen zeitweise gar von einem Kannibalenmord, ohne dass es darauf Hinweise gegeben hätte. Jetzt, ein Jahr später, hat Heike Dorsch ein Buch über ihre Erlebnisse auf der Südseeinsel Nuku Hiva geschrieben („Blauwasserleben“, Malik, 19,99 Euro) – um endlich abzuschließen, wie sie sagt.

Gemeinsam mit ihrem Freund Stefan Ramin hatte Dorsch im April 2008 ihren Traum wahrgemacht. Die beiden Hamburger gaben ihre Jobs auf und stachen mit ihrem Katamaran in See. Drei Jahre lang segelten sie um die Welt, eine Rückkehr nach Deutschland war nicht geplant. Sie überquerten den Atlantik, durchkreuzten die Karibik und landeten schließlich im Oktober 2011 auf den Marquesas-Inseln im Pazifik, rund 6000 Kilometer vom Festland entfernt. Dort fand die Reise ein jähes Ende.

Wochenlang hatte es sich das Paar auf Nuku Hiva gutgehen lassen, war gesurft, hatte den Kontakt zu den Eingeborenen genossen. Mit einem von ihnen brach der abenteuerlustige Ramin an einem sonnigen Tag zur Ziegenjagd auf – und kehrte nicht zurück. Stattdessen, so beschreibt es Heike Dorsch, kam nur Ramins Jagdgefährte Arihano zurück und lockte sie unter dem Vorwand vom Boot, ihr Freund liege verletzt im Dschungel. Dort bedrohte der Polynesier die junge Frau, fesselte sie und wollte sie vergewaltigen. Doch Dorsch wehrte sich und konnte fliehen. Drei Tage später fand die Polizei Ramins verkohlte Überreste im Wald. Der mutmaßliche Täter wurde kurz darauf gefasst, er gab die Tat zwar zu, verstrickte sich aber in Widersprüche. Er warte noch immer in Untersuchungshaft auf seinen Prozess, berichtet Dorsch. Aus welchem Grund Ramin getötet wurde, ist noch immer ungeklärt.

Die Frage nach dem „Warum“ habe sie lange gequält, erzählt die 38-Jährige. Doch inzwischen sei ihr klar, dass sie nie alle Antworten auf ihre Fragen erhalten werde. „Ich war zunächst wie entwurzelt, aber das Buch zu schreiben hat mir Halt gegeben“, sagt sie. Damit geht es ihr wie anderen: Auch Natascha Kampusch hat ein Buch über ihre Gefangenschaft geschrieben, ebenso die Eltern des ermordeten Mirco. Verlage werben mit dem Prädikat „Das Buch zum Schicksal“. Für die Autoren ist es Teil einer Selbsttherapie.

Der Weg zurück ins Leben fällt Heike Dorsch trotzdem schwer. Sie hat Hamburg verlassen, wo sie sich eine Wohnung mit ihrem Freund geteilt hatte. Jetzt lebt sie in München, in einer Wohngemeinschaft. Um unter Menschen zu sein hat sie gekellnert, aber einen festen Job hat die Marketingexpertin noch nicht wieder angenommen. „Ich weiß nicht, was ich morgen mache“, sagt sie. Aber vielleicht sei so ein normales Leben ja auch gar nichts für sie. „Vielleicht“, sagt sie, „gehe ich eines Tages auch wieder segeln.“

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