Niedersächsische Profile

Allein unterwegs zu Lenin und Putin

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Mit rotem Hut und reiselustig: Roswitha Söchtig spürt das „Entdeckergen“ in sich.

Braunschweig - Eine 68-jährige Braunschweigerin will die zwei nach Politikern benannten Berge in Kirgisien besteigen. Große Namen hat sich die kleine, zierliche Frau vorgenommen: Sie will zuerst Putin bezwingen und dann Lenin.

Doch ein neuer Ost-West-Konflikt droht nicht, es geht allein um Höhenmeter und Gletscherspalten. Die Braunschweigerin Roswitha Söchtig will in wenigen Tagen die beiden kirgisischen Berge Pik Putin und Pik Lenin besteigen - im Alter von 68 Jahren.

„Der Mount Putin ist kein schwieriger Berg. Der ist nur rund 4500 Meter hoch“, sagt die ehemalige Lehrerin für Mathematik, Sport und Geografie. „Allerdings habe ich ein wenig Angst vor den Bären, Wölfen und Schlangen, die es dort gibt.“ Vor drei Jahren hatte das kirgisische Parlament beschlossen, den Berg Tian Schan nach dem russischen Präsidenten zu benennen. So gelangte der Berg ins Beuteschema der Braunschweigerin, die möglichst viele Erhebungen erklimmen will, die nach Personen benannt sind. Den Ayers Rock - benannt nach dem früheren südaustralischen Premierminister Henry Ayers - führt sie bereits auf ihrer Habenseite. „Die neuseeländischen Berge Mount Cook und Mount Tasman habe ich dagegen noch vor mir.“ Und den Mount Lenin eben. „Das wird schon eine größere Anstrengung als der Mount Putin, der Berg hat eine Höhe von rund 7200 Metern“, sagt Söchtig. „Die Expedition von Osh im Süden Kirgisiens zum Pik Lenin dauert 20 Tage“, sagt die Frau, die auf ihren Reisen immer einen ihrer markanten roten Hüte trägt. „Ich bin mit einem Bergführer unterwegs, und in meinem zarten Alter leiste ich mir auch einen Träger. Die Expedition kostet 1000 Euro, für mich ist das viel Geld.“

Wenn Roswitha Söchtig von ihren Reisen erzählt, klingt alles nach dem ganz besonderen Abenteuer. So übernachtete sie in Kasachstan gemeinsam mit 15 Arbeitern auf einer Baustelle, und in die hermetisch abgeriegelte russische Raumfahrerstadt Baikonur konnte sie trotz fehlender Aufenthaltserlaubnis allein dank ihrer Hartnäckigkeit reisen. „Es liegt daran, dass unsere Familie so etwas wie ein Entdeckergen hat“, glaubt sie. Ihren ersten Berg hat „Rosi“ Söchtig 1965 bezwungen. „Da bin ich im Alter von 19 Jahren auf die Schön­taufspitze in Südtirol gestiegen.“

Den Drang in die Ferne hat sie schon früh verspürt. Bereits mit zehn Jahren sei sie von der Asse rund 40 Kilometer nach Bad Harzburg geradelt. Dem Radfahren gilt ohnehin die zweite Leidenschaft der zierlichen Frau, deren Beine bereits Zehntausende Fahrradkilometer absolviert haben. Im vergangenen Jahr ist sie zum zweiten Mal mit dem Rad nach Peking gefahren. In insgesamt 135 Tagen legte sie 14 000 Kilometer zurück. Die Tour mit ihrem 11,2 Kilogramm schweren Treckingrad führte durch Deutschland, Polen, die Ukraine, Russland und Kasachstan bis nach Peking.

Auf ihrer ersten Radtour von Braunschweig nach Peking hatte Söchtig noch eine andere Route gewählt. „Da bin ich über Tschechien, Österreich, die Slowakei, Ungarn, Serbien, Bulgarien, die Türkei, Georgien, Aserbaidschan, Turkmenistan, Usbekistan, Kirgisien, Kasachstan und China geradelt.“ Zur Vorbereitung hat sie ihren alten Diercke-Schulatlas gewälzt - in dem noch die Sowjetunion eingezeichnet war.

Die Idee zu dieser ersten China-Radfahrt kam ihr, als sie bei einer Urlaubsreise am Kai von Schanghai stand. Als die Braunschweigerin hörte, dass 2008 die Olympischen Spiele in Peking ausgetragen werden sollten, war sie begeistert. Dort wollte sie dabei sein. Viele Erlebnisse von dieser Tour hat sie in ihrem Buch „Mit den Augen einer Frau“ beschrieben, erzählt Söchtig. Auch über das Bergsteigen hat sie bereits geschrieben. Vor Kurzem sind auch ihre Erinnerungen an die zweite Radfahrt nach China erschienen.

Doch auch nach ihrem Marsch auf die Gipfel von Putin und Lenin soll mit dem Reisen nicht Schluss sein. Schließlich warten noch viele andere Berge, viele weitere Abenteuer. Einen neuen roten Hut jedenfalls hat sie schon.

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