Günter Grass über Europa

Mit „Allerletzter Tinte“

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Foto: Günter Grass hat es wieder getan: Diesmal lässt er sich über Europa aus.

Berlin - Günter Grass hat ein neues Gedicht geschrieben. Es trägt den Titel „Europas Schande“ und beschäftigt sich im vorwärts treibenden Rhythmus des antiken Versmaßes Anapäst mit Politik: mit dem hoch verschuldeten Griechenland, mit den Sparauflagen der EU und den Folgen eines möglichen Austritts Griechenlands aus der europäischen Währungsunion.

Weil Grass als Publikationsform wieder kein schmales Lyrikbändchen, sondern – wie schon im Fall seines israelkritischen Gedichts „Was gesagt werden muss“ – eine große überregionale Zeitung gewählt hat, ist den lyrischen Versen ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit jetzt schon gewiss.

In den zwölf schmalen Zeilenpaaren, die schon gestern Abend im Onlineauftritt der „Süddeutschen Zeitung“ zu lesen waren und heute dort in der gedruckten Ausgabe erscheinen, kritisiert Grass die Griechenland-Politik Europas mit harschen Worten. Grass spricht Europa in der Form eines lyrischen „Du“ direkt an, wenn er in seinem ersten Zeilenpaar dichtet: „Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht, bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh.“

Griechenland werde „als Schuldner nackt an den Pranger gestellt“ und „unter Schrottwert taxiert“. Der Literaturnobelpreisträger wirft Europa in Versform vor, es gebe Griechenland den Giftbecher zu trinken: „Sauf endlich, sauf! schreien der Kommissare Claqueure“, ist da zu lesen, und – unter Anspielung auf den griechischen Philosophen Sokrates, der nach seinem Todesurteil den Schierlingsbecher getrunken hatte – „doch zornig gibt Sokrates Dir den Becher randvoll zurück“.

Grass spielt offenbar auch auf die deutsche Besatzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg an. Er schreibt, dass diejenigen, die das Land mit Waffengewalt heimgesucht hätten, zur Uniform „Hölderlin im Tornister“ getragen hätten.

Das Gedicht schließt mit den düsteren Worten, Europa werde ohne Griechenland „geistlos verkümmern“. Grass spricht sich damit gegen einen eventuell erzwungenen Austritt Griechenlands aus der Währungsunion aus. Die Form der Meinungsäußerung in Gestalt eines Gedichts sei möglicherweise umstritten, hieß es gestern in der Onlineausgabe der „Süddeutschen“ lapidar, doch sie habe Tradition: Von der Antike über Brecht bis hin zum Hip-Hop erlaube die metrische Form, komplexe politische Zusammenhänge zu verdichten, ohne sich mit dem Slogan zu begnügen. Wie weit der Inhalt von Grass’ Gedicht diesmal trägt, werden die kommenden Tage zeigen.

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