Flug MH370

„Alles klar, gute Nacht!“

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Kuala Lumpur/Peking - Mehr Experten im Krisenstab, mehr Länder bei der Suche – aber die Malaysier haben bei der Suche nach der verschwundenen Boeing 777-200 immer noch nichts vorzuweisen. Immer noch gibt es viele ungeklärte Fragen, aber auch Antworten auf kleine Details. Zudem sind seit Montag weitere Helfer bei der Suche dabei.

Auch die Nasa unterstützt: Zusätzliche Spezialisten sollen die Suche nach dem verschollenen Flug MH370 vorantreiben. Nach scharfer Kritik Chinas am bisherigen Ergebnis der Arbeit zog Malaysia neue Experten zu den Ermittlungen heran. Ein Fachmann aus China und drei Experten aus Frankreich seien zum Ermittlerteam dazugestoßen, sagte Verkehrsminister Hishammuddin Hussein am Montag in Kuala Lumpur.

Auch die US-Raumfahrtbehörde Nasa hilft bei der Suche nach dem verschwundenen Flug MH370. Nasa-Chef Charles Bolden habe angeordnet, dass alle Möglichkeiten der Nasa, zur Suche beizutragen, geprüft werden sollten, sagte ein Sprecher der Behörde in Washington am Montag. Daraufhin würden derzeit unter anderem Bilder ausgewertet, die von Satelliten und der Internationalen Raumstation ISS aufgenommen wurden. Objekte, die größer sind als 30 Meter, könnten darauf identifiziert werden. Alle relevanten Ergebnisse der Auswertungen werde die Nasa weitergeben, sagte der Sprecher

Ko-Pilot setzte letzten Funkspruch ab

Zum letzten Kontakt mit der Maschine kam ein neues Detail ans Licht: Die letzten bekannten Worte aus dem Cockpit stammten wahrscheinlich von Ko-Pilot Fariq Abdul Hamid (27) und nicht von Flugkapitän Zaharie Ahmad Shah (52), sagte Airlinechef Ahmad Jauhari Yahya.„Alright, good night“ (etwa: Alles klar, gute Nacht), war der Funkspruch, den die malaysische Bodenkontrolle aus dem Cockpit von Flug MH370 erhielt. Der ruhig klingende Gruß ging um 01.19 Uhr Ortszeit ein, etwa 40 Minuten nach dem Start und zwölf Minuten, nachdem das Kommunikationssystem ACARS manuell abgeschaltet worden war. Zwei Minuten nach den letzten Worten von Fariq wurde auch der Transponder ausgeschaltet, der automatisch Daten an die Flugkontrolle überträgt. Anschließend verschwand die Maschine mit 239 Menschen an Bord von den zivilen Radarschirmen.

Den Sprecher der letzten Worte zu kennen, könnte die Ermittlungen einen wesentlichen Schritt weiterbringen – denn eine zentrale Frage bei der Suche nach dem Flug MH370 ist, wer nach der willentlichen Abschaltung der Kommunikationssysteme die Kontrolle an Bord hatte. Der Verkehrsminister wiederholte, dass neben Sabotage und Entführung auch ein möglicher Selbstmord eines Piloten in Betracht gezogen werde. Doch auch die Theorie eines Unglücks ist noch nicht ganz vom Tisch. „Ich halte es immer noch für möglich, dass es einen technischen Defekt gegeben hat, einen kompletten Ausfall der Technik an Bord – dann wäre auch der Transponder tot“, sagt Frank Janser, Leiter des Fluglabors und Professor am Fachbereich Luft- und Raumfahrttechnik der Fachhochschule Aachen. „So ein Totalausfall ist zwar sehr selten, aber er kann passieren. Das würde auch erklären, warum das Flugzeug um 180 Grad gedreht ist – nämlich um zum Heimatflughafen zurückzukommen.“

Piloten im Visier der Ermittler

Auch die US-Geheimdienste konzentrieren sich offensichtlich auf die beiden Piloten. Das bestätigte der Vorsitzende des Heimatschutz-Ausschusses im US-Repräsentantenhaus, Michael McCaul, am Sonntag (Ortszeit) im Fernsehsender Fox News. Nach allem, was er von ranghohen Vertretern der Geheimdienste und Anti-Terror-Experten wisse, „war irgendetwas mit dem Piloten“, sagte McCaul. „Ich denke, all’ das führt ins Cockpit, zu dem Piloten und dem Ko-Piloten.“ Am Sonnabend hatten malaysische Ermittler die Wohnungen des Flugkapitäns Zaharie Ahmad Shah und des Ko-Piloten durchsucht, zugleich aber vor „voreiligen Schlüssen“ gewarnt. Über den Flugkommandanten ist inzwischen bekannt, dass er Mitglied der Oppositionspartei des Politikers Anwar Ibrahim ist. Dieser war am Vortag des Flugs MH370 wegen des Vorwurfs der Homosexualität zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Parteifreunde wiesen jedoch Medienberichte entschieden zurück, wonach der Pilot nach dem Urteil außer sich gewesen sei.

Keine Hinweise auf Hilferufe der Passagiere

Weil die Ermittler inzwischen überzeugt sind, dass die Maschine noch Stunden nach dem letzten Kontakt weiterflog, prüfen sie auch, ob womöglich ein Passagier per Handy anzurufen versucht hat. „Bis jetzt gibt es von keiner Telefongesellschaft Anzeichen, dass jemand versucht hat, zu telefonieren“, sagte Ahmad. „Wir prüfen noch.“

Ermittler haben mehrere Routen im Visier

Die Ermittler gehen davon aus, dass jemand an Bord absichtlich die Kommunikationssysteme ausstellte und die Maschine vom Kurs abbrachte. Sie könnte Richtung Nordwesten über Indien und Pakistan bis in die Region Kasachstan geflogen sein oder Richtung Südwesten über Indonesien, an Australien vorbei auf den Indischen Ozean. An der südlichen Flugroute übernahm Australien die Koordination der Suche, wie Regierungschef Tony Abbott mitteilte.

Konflikte zwischen China und Malaysia

Chinas Ministerpräsident Li Keqiang machte bei seinem malaysischen Amtskollegen Najib Razak nun offenbar persönlich Druck, wie das chinesische Staatssenders CCTV gestern berichtete. Die Ermittler müssten endlich umfassendere Details und verlässliche Daten bereitstellen, habe Li Keqiang gefordert. Malaysias Verkehrsminister wehrte sich später allerdings gegen Kritik. „Auch Malaysia vermisst Söhne und Töchter, 50 Malaysier waren an Bord“, sagte er. „Aber es wäre unverantwortlich, Informationen herauszugeben, die nicht verifiziert sind.“

Der fehlende Datentransfer ist auch europäischen Experten aufgefallen: „Alle Radardaten wurden ja gespeichert. Die müssen jetzt schnellstmöglich zwischen den Ländern ausgetauscht und ausgewertet werden. Wäre das im europäischen Luftraum passiert, hätten sie die Daten binnen kürzester Zeit auf dem Tisch. Aber bei Ländern wie Malysia, Vietnam und China, die nicht gerade befreundet sind, dauert das eben länger. Kein souveräner Staat will sich da in die Suppe spucken lassen“, sagt Luftfahrt-Experte Janser.

dpa/afp/ang

„Ein Flugzeug kann sich nicht verstecken“

Florian Holzapfel ist Professor für Flugsystemdynamik an der TU München und Pilot.

Herr Holzapfel, wie leicht lässt sich der Transponder und die Kommunikationstechnologie ACARS abschalten?

Der Transponder lässt sich im Cockpit ganz einfach mit einem On/Off-Schalter abschalten. Bei ACARS muss ich zugegeben, weiß ich es für die automatisierten Nachrichten nicht genau – es sollte aber ähnlich einfach gehen. Im Internet findet man aber die Flughandbücher aller Maschinen, in denen das jeder detailliert nachlesen kann. Dazu braucht man kein spezielles Fachwissen.

Ist es technisch möglich, ein Flugzeug vom Boden aus, ferngesteuert, zu entführen?

Nein, das halte ich für ausgeschlossen. Es gibt fast nirgends so harte Zulassungsvorschriften wie in der Flugsteuerung, die Technik muss auch nach einem Blitzeinschlag noch funktionieren und starke elektromagnetische Felder aushalten. Dass rein über Funkwellen in die Flugsteuerung eingegriffen wird, ist nicht möglich.

Kann ein Flugzeug denn unbemerkt von Radarsystemen fliegen?

Das ist der Punkt, den ich wirklich verwunderlich finde. Gerade in der Region Süd-Ost-Asien, in der sich ja einige Länder nicht wirklich gut verstehen, müsste die militärische Luftraumüberwachung doch gut ausgebaut sein. Und das militärische Radarsystem ist doch gerade darauf ausgelegt, unbekannte Flugobjekte zu entdecken, die nicht entdeckt werden wollen. Ich verstehe nicht, wie das Militär in Malaysia – und auch das militärischen Einrichtungen der Nachbarstaaten – die Maschine nicht bemerkt haben können.

Gibt es irgendeine Möglichkeit, sich fürs Radar unsichtbar zu machen?

Nein, die Primärradare funktionieren so, dass sie vom Boden aus strahlen und das Flugzeug reflektiert diese Strahlung. Davor kann man sich nicht verstecken.

Interview: Anne Grüneberg

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