Umlackiertes Flugzeug

Alter Standard macht Alitalia-Maschine zur Lachnummer

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Foto: Nach einem Triebwerk-Problem setzte der Airbus A380 auf dem Flughafen von Singapur auf – und wurde sofort von allen Seiten ausgiebig fotografiert.

Rom/Hannover - Über Nacht bekam die verunglückte Alitalia-Maschine in Rom frische Farbe. Das Marken-Logo verschwand. Was früher Standard war, wirkt heute lächerlich. Die Branche überdenkt ihr Vorgehen.

Die dramatische Notlandung von Flug QF32 ist gut dokumentiert. Nach einem Triebwerk-Problem setzte der Airbus A380 auf dem Flughafen von Singapur auf – und wurde sofort von allen Seiten ausgiebig fotografiert. Die Verschlüsse der Handy-Kameras machten einen Airline-Reflex überflüssig, wie er noch vor wenigen Jahren in der Branche zum Image-Schutz üblich war: das Überpinseln des Firmen-Logos.

„Das war einst anerkannter PR-Standard bei Fluggesellschaften: erst die Rettung und dann sofort das Logo überpinseln. Das wurde bei Tag und Nacht gemacht, am liebsten aber bei Nacht", sagt der Hamburger Luftfahrt-PR-Experte Cord Schellenberg.

Doch inzwischen ist ein solche Nacht-und-Nebel-Aktion kaum noch möglich. Der Grund: Die allgegenwärtigen Handy-Kameras von Rettungskräften, Mitarbeitern und vor allem Passagieren. Sie klicken so schnell, dass eine Pinselaktion wie im Falle der Alitalia zu spät kommt. Das Ergebnis in so einem Fall: weltweiter Spott und Häme - vor allem in den Internet-Foren.

Denn was früher als richtig angesehen wurde, verkehrt sich heute oft ins Gegenteil. Ob eingeknicktes Jumbo-Bugrad in Frankfurt oder brennender ATR-Reifen in München: Dementis und Vertuschungen von PR-Abteilungen sind kaum noch möglich angesichts der Schnelligkeit, mit der Handy-Fotos oft direkt vom Unfallort aus ins Internet gelangen.

Bei den deutschen Branchen-Verbänden reagiert man daher etwas ratlos auf die Frage, was heute eigentlich noch Standard ist. „Es gibt kein festgelegtes Verfahren für den Umgang mit derartigen Fällen", sagte Sandra Niedenthal vom Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) in Berlin. Verunsicherung bei den Airlines ist spürbar – vor allem nach dem PR-Debakel der Alitalia.

„Das ist das normale Vorgehen, um negative Publicity zu vermeiden", hatte ein Sprecher italienischen Medien zufolge betont. Man habe verhindern wollen, dass dem Image der Firma Schaden zugefügt werde, das sei überall auf der Welt gängige Praxis und nicht ungewöhnlich.

„Früher wurden Unfallorte gerne weiträumig abgesperrt, Medien hatten kaum Zugang. Seit etwa fünf Jahren kann man aber nicht mehr verhindern, dass Flughafen-Mitarbeiter selbst schnell mal ein Foto schießen", sagt der Fachmann Schellenberg. Nach seinen Erkenntnissen hat sich bei vielen Airlines der Trend durchgesetzt, nach Unfällen am helllichten Tage auf keinen Fall mehr das Logo am Flugzeugwrack zu übermalen.

Denn Amateure filmen mittlerweile in Echtzeit und bereichern damit auch mitunter die Möglichkeiten der Unfallermittler. Eine der bekanntesten derartigen Amateur-Aufnahmen war der Todesflug der brennenden Concorde F-BTSC, die kurz nach dem Start als riesiger Feuerball in den Pariser Vorort Gonesse krachte.

Gefilmt hatte ihn ein Autofahrer, der auf einer Autobahn den Großflughafen Charles de Gaulle passierte. Es waren Bilder, die um die Welt gingen. Selbst in Afrika drücken heute angesichts einer rapide angeschwollenen Handy-Dichte immer mehr Rettungskräfte, Schaulustige oder Passagiere auf den Auslöser.

Sind Prominente an Bord, dann ist die Flut der Bilder eh kaum noch zu bremsen. Wie am 14. September 2009, als auf dem Stuttgarter Flughafen eine zweimotorige Fokker 100 ein Fahrwerkproblem hatte. Mit an Bord war der damalige SPD-Chef Franz Müntefering. Seine Präsenz machte die Sicherheitslandung zu einem der am besten dokumentierten Anflüge des Jahres in der Landeshauptstadt.

dpa

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