Nach Amoklauf

Amerikas Drama: 300 Millionen private Waffen

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Foto: „Warum hat er das nur gemacht?“ – ein Vater versucht an einer kleinen Gedenkstätte für die toten Kinder von Sandy Hook seinem Sohn das Unerklärliche zu erklären.

Washington - Es ist ein altbekanntes Ritual: Nach dem Massaker an 20 Schulkindern in Connecticut wird wieder der Ruf nach schärferen Waffengesetzen laut. Wird die Politik diesmal handeln?

In der Nacht nach dem Massaker an den Kindern von Sandy Hook halten ein paar Hundert Menschen Nachtwache am Weißen Haus in Washington. Sie halten Plakate hoch und fordern den Präsidenten hinter den Mauern lautstark auf, endlich ein schärferes Waffenrecht durchzusetzen. „Heute ist der Tag dafür“, rufen sie. Das Weiße Haus teilt mit, dass man darüber reden müsse. „Aber heute, in der Trauer um die Kinder, ist nicht der Tag dafür.“

Vielleicht wäre ja der Tag vor dem Massaker ein besserer Tag dafür gewesen, bevor 20 Kinder von einem mit Pistolen und Sturmgewehr wie für einen Kriegseinsatz bewaffneten Mann niedergemetzelt wurden. An jenem Donnerstag hat das Parlament im US-Bundesstaat Michigan beschlossen, dass es per Gesetz erlaubt ist, Waffen in Schulen, Kirchen, Kindergärten und Sportstadien hineinzutragen. Am gleichen Tag trat in Ohio ein Gesetz in Kraft, das erlaubt, ein Auto mit einer Waffe darin in der Garage des Parlaments zu parken. Und Florida verkündete stolz, dass der Bundesstaat bald die einmillionste Waffenlizenz ausstellen wird.

All das geschah am Tag vor dem Massaker – aber es geschah nach dem Amoklauf an der Columbine High School in Colorado, nach dem Massaker auf dem Campus von Virginia Tech, nach der Schießerei bei der Premiere des „Batman“-Films. Seit Columbine, seit dem 20. April 1999, hat es allein an Schulen 181 Schießereien gegeben. Die mörderischste in Sandy Hook. „Amerika“, sagte Dan Gross, Präsident der Brady-Kampagne gegen Waffengewalt, bitter, „schützt seine Waffenlobby besser als seine Kinder.“

Jedes Jahr werden 30.000 Amerikaner erschossen

Nach jedem neuen Unglück rollt eine Welle des Protestes gegen die Allgegenwart von Waffen übers Land. Die Befürworter des durch die Verfassung garantierten Rechts auf Waffentragen halten sich für ein paar Tage zurück, die mächtige „National Rifle Association“ taucht ab – und dann geht alles wieder seinen Gang. Das Ergebnis: Jahr für Jahr werden rund 30.000 Amerikaner erschossen. Die Zahl der registrierten Waffen in Privathaushalten ist seit 2007 auf rund 300 Millionen gestiegen.

Seit 1982 sind fast alle Massaker mit Waffen verübt worden, die legal erworben worden waren, die meisten mit halbautomatischen Gewehren. Seit 1982 gab es im Schnitt zwei Massenschießereien pro Jahr – aber 24 von 61 Fälle ereigneten sich seit 2006. Zehn Jahre lang war der Verkauf von Sturmgewehren verboten, 2004 lief der Bann aus. Der Effekt: Wie der Mörder von Sandy Hook, der in Sekundenschnelle bis zu elf Kugeln in die Kinderkörper feuerte, haben auch andere Amokläufer wegen der großen Magazine dieser Waffen in kürzester Zeit eine verheerende Zahl von Menschen töten können. Und doch glaubt die Mehrzahl der Amerikaner, dass das Recht auf die eigene Waffe ein unauflösliches Bürgerrecht ist.

Schafft der Protest diesmal, wo die Kleinsten angegriffen wurden, neue Allianzen? Eine Gruppe demokratischer Gouverneure – darunter John Hickenlooper aus Colorado und Andrew Cuomo aus New York – will gemeinsam schärfere Gesetze durchsetzen. Fragwürdig ist, ob das gegen den Willen des mehrheitlich republikanischen Repräsentantenhauses zu machen ist. „Mehr Waffen“ seien die richtige Antwort, sagte der Abgeordnete Louie Gohmert dem Sender „Fox News“. Wenn die Rektorin der Schule ein Gewehr gehabt hätte, „hätte sie es herausholen und den Angreifer erschießen können“. Die „National Rifle Association“ ist eine der einflussreichsten Lobbygruppen in Washington. Zudem werden die Abgeordneten direkt gewählt – und hüten sich, es sich mit einer so großen Macht zu verscherzen.

Offenbar ist auch Obama da vorsichtig gewesen. Das Justizministerium hat bereist einen detaillierten Plan für bessere Hintergrundchecks von Waffenkäufern entworfen. Der Vorschlag verschwand in der Schublade, als der Wahlkampf begann. Nun muss sich zeigen, ob Obama es ernst meint, wenn er sagt, er wolle „sinnvoll handeln, um weitere Tragödien zu verhindern“. Angeblich ist der Vorschlag des Justizministeriums so verfasst, dass der Präsident einen Großteil der Maßnahmen per „executive order“ verfügen könnte – ohne Zustimmung des Kongresses.

Robbie Parker hat bei dem Amoklauf in Newtown seine sechs Jahre alte Tochter Emilie verloren. Der trauernde Vater sprach öffentlich über seinen Verlust:

„Mein Name ist Robbie Parker. Meine Familie ist eine von denen, die gestern ein Kind bei der Schießerei in der Sandy Hook Grundschule hier in Connecticut verloren haben. So viele Menschen haben mit mir Kontakt aufgenommen und wollten wissen, wie es uns geht. Ich glaube, dies könnte der beste Weg sein, diese Gefühle mit allen zu teilen. Als erstes möchte ich all den Familien, die direkt von dieser Schießerei betroffen sind, unser tiefstes Beileid aussprechen. Das gilt auch für die Familie des Schützen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schwierig dies alles für Sie ist. (...)“

„Meine Tochter Emilie wäre eine der ersten, die all diesen Opfern ihre Liebe und Unterstützung geben würde. Denn das ist die Art von Mensch, der sie war. Nicht aufgrund irgendwelcher Erziehungsmethoden von meiner Frau und mir, sondern weil das die Gaben waren, die sie von Gott bekommen hat. Wir finden Trost, indem wir uns daran erinnern, was für ein unglaublicher Mensch Emilie war. Und wie viele Menschenleben sie berühren konnte, in der kurzen Zeit, die sie auf dieser Welt war. Emilie war klug, kreativ und sehr liebevoll. Emilie wollte immer neue Dinge ausprobieren. Außer beim Essen. Sie liebte es, mit ihren Talenten die Leben aller zu rühren, mit denen sie in Kontakt kam. Sie war künstlerisch sehr begabt und trug immer ihre Stifte mit sich herum. Emilie war ein Mentor für ihre zwei kleinen Schwestern, und es machte ihr Freude, ihnen lesen oder tanzen beizubringen und die einfachen Freuden im Leben zu finden. Emilies Lachen war ansteckend, und all jene, die das Glück hatten, sie kennenzulernen, würden mir zustimmen, dass diese Welt ein besserer Ort ist, weil sie auf ihr war.“

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