Schulgesetz in Niedersachsen

„Angriff auf den freien Elternwillen“

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Hannover - Gymnasialverbände schlagen Alarm: Sie werfen dem Land vor, nur an Einsparung für Kommunen zu denken, und nicht etwa ans Kindeswohl. Die „existenzielle Gefahr“ ist nach Ansicht der Elternvertreter und des Philologenverbandes die rechtliche Aufwertung der Gesamtschulen, die Rot-Grün mit dem neuen Schulgesetz auch verabschieden will.

Das sind keine feinen Nadelstiche mehr, das neue Schulgesetz ist ein Trojanisches Pferd, das in die Gymnasien gezogen wird“, sagt Petra Wiedenroth. Die Geschäftsführerin des Verbandes der Elternräte der Gymnasien meint, dass das, was auf den ersten Blick wie eine Wohltat aussehe, sich auf Dauer als existenzielle Gefahr für die Gymnasien entpuppe.

Die „Wohltat“ ist die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren auch an Gymnasien. Die „existenzielle Gefahr“ ist nach Ansicht der Elternvertreter und des Philologenverbandes die rechtliche Aufwertung der Gesamtschulen, die Rot-Grün mit dem neuen Schulgesetz auch verabschieden will. Integrierte Gesamtschulen sollen ab dem Sommer von einer Angebots- zur Regelschule werden. Damit können sie andere Schulformen wie Haupt- oder Realschulen ersetzen. Das heißt, Kommunen oder Kreise müssen dann nur noch eine IGS, aber keine andere Form des gegliederten Schulwesens mehr vorhalten.

Gymnasien sollen aber weiterhin unter zumutbaren Bedingungen erreichbar bleiben. Als zumutbar gilt ein Fahrtweg von jeweils 75 Minuten. „Das heißt, das nächste Gymnasium könnte tatsächlich 50 Kilometer entfernt sein“, sagte Wiedenroth, „wer aber will seinen Kindern tatsächlich tägliche Fahrtzeiten von zweieinhalb Stunden zumuten?“ Das Elternrecht auf freie Schulwahl sei ein Grundrecht, so aber werde es ausgehebelt. „Wir Eltern werden entmündigt.“ „Wo bleibt die Auswahl, wenn es nur noch eine Schule vor Ort gibt?“, fragt Horst Audritz, Vorsitzender des Philologenverbandes. Der Weg hin zu einer Einheitsschule sei vorgezeichnet, auch durch die geplante engere organisatorische Verzahnung von Grund- und Gesamtschulen. „Die Gymnasien werden schrittweise zurückgedrängt.“

Der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Eberhard Brandt, hält die Ängste der Gymnasialverbände für „Horrorvisionen ohne reale Substanz“. Zuletzt hatten sich landesweit mehr als 42 Prozent der Eltern von Fünftklässlern für die Anmeldung an einem Gymnasium entschieden, für IGS nur gut 15 Prozent.

Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) fordere einerseits eine gesamtstaatliche Bildungsoffensive und lege andererseits die Gestaltung der Schullandschaft in die Hände der Kommunalpolitik, wo oft nur der Rotstift regiere, kritisiert Elternvertreter Hartwig Jeschke. „Es geht nicht ums Kindeswohl, es geht schlicht um Einsparungen für die Schulträger“, heißt es auch vonseiten der Philologen.

Eltern, die ihre Kinder nicht auf das nächstgelegene Gymnasium schicken wollen, sondern auf ein Gymnasium mit einem besonderen Profil, etwa mit einem altsprachlichen Angebot oder einem Musikzweig, müssen die Fahrtkosten für die Schüler künftig komplett allein tragen. Kreise und Kommunen geben nur noch Zuschüsse, wenn eine Schulform angewählt wird, die es in ihrem Gebiet sonst nicht gibt, etwa eine Gesamtschule oder eine Waldorfschule. „Das ist höchst unsozial“, findet Audritz. Massive Kritik üben Lehrer- und Elternverteter auch an der geplanten Streichung der Laufbahnempfehlung am Ende der Grundschule und an der Einführung von Präsentationsprüfungen mithilfe des PCs anstatt von Klausuren im Abitur. Zur Umstellung der Lehrpläne im Zuge der Rückkehr zu G 9 will sich der Philologenverband noch nicht äußern.

Zu wenig Kunst- und Musikunterricht: Kunst- und Musiklehrer hatten indes in den vergangenen Monaten immer wieder massive Stundenkürzungen bemängelt. Auch am Rande einer Festveranstaltung zu einem neuen Kulturförderprogamm des Landes gestern Nachmittag im Ballhof in Hannover gab es Proteste. Nach der neuen Stundentafel sollen die Fächer Kunst, Musik und Darstellendes Spiel im elften Jahrgang nur noch einstündig erteilt werden. „Was soll man mit 45 Minuten Kunst?“, fragt Stefanie Konndorf, angehende Kunst- und Theaterlehrerin aus Braunschweig. „Da kann man nur Bleistiftzeichungen auf DIN A 4 machen.“ Was Kultur in der Schule leisten kann, wollen landesweit 40 Schulen in Projekten mit Kulturpartnern wie Musikschulen, Museen und Theatern in den nächsten drei Jahren zeigen. Das Land unterstützt das Programm mit einer Million Euro, weitere 500 000 Euro kommen von der Meercator-Stiftung.

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