lseder Familiendrama

Annäherung an das Unfassbare

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Ein Familienvater, der seine vier Kinder getötet haben soll, steht in Hildesheim vor Gericht.

Hildesheim - Warum tötet ein Vater seine vier Kinder? Im Hildesheimer Landgericht hat ein Psychiater versucht, im Ilseder Familendrama dafür eine Antwort zu finden.

Wie ist es zu erklären, dass ein Vater seine eigenen Kinder tötet? Diese Frage stellte sich gestern der Psychiater Johannes Pallenberg vor dem Landgericht Hildesheim - im Mordprozess gegen Andreas S, der am Abend des 14. Juni in seinem Haus in Groß Ilsede bei Peine seinen vier Kindern die Kehlen durchschnitt und anschließend selbst Hand an sich legte. Letzte Erklärungen hierfür kann auch der Psychiater nicht geben. Es sind eher Annäherungen an das Unfassbare. Aus Sicht Pallenbergs sah S. nur noch die Chance, mit seinen Kindern im Tod verbunden zu sein, nachdem seine Frau ihm aus dem Urlaub mitgeteilt hatte, dass sie sich von ihm trennen wolle.

Der Sachverständige spricht von „erweitertem Suizid“. Der Selbstmordplan habe das Denken des Angeklagten so verengt, dass er den Bezug zur Realität verloren und sich entschlossen habe, „seine Kinder mitzunehmen“. Dadurch ist der 37-Jährige laut Gutachten während der Tat „in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt“ gewesen und vermindert schuldfähig.

Zuvor sei der Angeklagte durch Gewaltanwendung nach außen hin nie aufgefallen, betont der Psychiater. Im Gegenteil. Andreas S. sei eher aggressionsgehemmt, immer bereit, eigene Bedürfnisse zurückzustellen. Dadurch aber sei es vielleicht überhaupt erst zu der Familientragödie gekommen. Denn: „Gerade gehemmte Menschen können in solchen Belastungssituationen gefährlich werden.“

Andreas S. wuchs laut Gutachten in geordneten Verhältnissen auf. Sein Vater hatte in Peine einen kleinen Dachdeckerbetrieb und nach dem Hauptschulabschluss begann er selbst eine Dachdeckerlehre. Doch schon mit 14 verlor er seinen Vater, mit er zum Angeln und Fußball gegangen war. Andreas S. entwickelte sich fortan zum Einzelgänger, wirkte blass, schüchtern und zurückgezogen. Seine Frau Tanja war für ihn die erste und einzige Frau seines Lebens. Er war 22, als er sie Pfingsten 1997 beim Zelten kennenlernte. Der entscheidende Schritt ging von ihr aus. „Der ist süß, den will ich heiraten“, soll die junge Frau gesagt haben, als sie S. im Zelt erblickte. Und so kam es auch. Schon wenige Wochen später zogen die beiden zusammen. 1999 heirateten sie, einige Monate später wurde Pia geboren, die noch drei Brüder bekam.

Durch die Ehe sei der Angeklagte regelrecht aufgeblüht, sagt der Psychiater. „Durch seine Familie ist er zu einem selbstbewussten Ehemann und Familienvater geworden. Seine Frau war wie eine Plombe.“ Hinter der Fassade der mustergültigen Familie aber gab es offenbar auch häusliche Gewalt. Andreas S. berichtete, er sei in den vergangenen zehn Jahren unter Alkohol immer wieder mal ausgerastet und habe seine Frau leicht geschlagen. Im Oktober 2011 habe er sie nach einem Nervenzusammenbruch - ausgebrannt und erschöpft - sogar zu vergewaltigen versucht.

„Du solltst mich hassen, damit du nicht um mich trauerst, wenn ich mich umbringe“, habe er gesagt. Daraufhin wurde S. wegen depressiver Störungen behandelt. Der Gutachter sieht in dieser Persönlichkeitssstörung nun die „Wurzel“ seiner Selbstmordpläne. Der Alkohol sei lediglich enthemmend hinzugekommen.Der Vorsitzende Richter Ulrich Pohl zeigt sich skeptisch. „Passt es zu dieser Version, dass er noch ein halbe Stunde vor der Tat vor dem Computer gesessen und - mit Blick auf den geplanten Umzug - Wohnungsangebote aufgerufen hat, um Zukunftsplanung zu betreiben?“ Der Suizidgedanke sei ganz plötzlich, über S. gekommen, hält der Psychiater dagegen. „Das ist, als ob ein Schalter umgelegt wird.“ Doch auch damit gibt sich der Richter nicht zufrieden.

Bei der Tatausführung sei S. ja durchaus planmäßig vorgegangen, sagt Pohl und erinnert daran, dass der Angeklagte acht Ersatzklingen für sein Teppichmesser in der Jeanstasche hatte. „Für den Fall der Fälle.“ Leicht sei es auch nicht gewesen, die Kinder in den Hochbetten zu töten. Auch aus Sicht des Gutachters geht vom Angeklagten weiterhin eine „massive Gefahr“ aus. „Die Suizidgefahr hat sich durch die Tat eher erhöht“, sagt Pallenberg. „Und wenn er sich umbringen will, kann es vorkommen, dass er Brände legt oder den Straßenverkehr gefährdet.“ Der Gutachter plädiert daher für eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik. Der Angeklagte knetet unterdessen die Hände und starrt niedergeschlagen auf den Tisch. Dem Gutachtet hat er zuvor gesagt: „Die härteste Strafe ist für mich, dass ich das Ganze überlebt habe.“

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