Seniorentelefon

Bei Anruf Wohlfühlen

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Foto: „Hausbesuche per Telefon“ nennt Gründerin Rütten ihr Angebot, das schon 130 Menschen in Deutschland nutzen.

Bremen - Hausbesuche per Telefon: Einsame Senioren können bei einem Bremer Verein „Wohlfühlanrufe“ abonnieren.

Rot werden muss man bei diesen „Wohlfühlanrufen“ nicht. Denn mit Rotlicht haben sie nichts zu tun: „Man kann am Telefon nicht nur Sex machen“, sagt Elsbeth Rütten. Die ehemalige Krankenschwester hat vor eineinhalb Jahren die „Ambulanten Versorgungsbrücken“ gegründet – einen gemeinnützigen Verein, der einen bundesweit einmaligen Service anbietet: Ältere Leute, die sich einsam fühlen oder etwas Abwechslung suchen, können sich von dem Bremer Verein regelmäßig anrufen lassen. Für 35 Euro im Quartal, auf eigene Kosten oder per Geschenkgutschein.

„Hausbesuche per Telefon“ nennt Rütten das weltanschaulich neutrale Angebot, das schon 130 Menschen in Deutschland nutzen. Meist sind es alleinstehende Rentnerinnen, aber auch ein Dutzend Männer oder einzelne Ehepaare stehen in der Kartei. Die älteste Kundin ist 94. An den Telefonen im Vereinsbüro sitzen bisher nur Frauen, insgesamt 15 Ehrenamtliche. Ihre Gespräche dauern wenige Minuten oder auch mal eine Stunde, und wie oft sie sich melden, ist Vereinbarungssache – manchmal dreimal wöchentlich, manchmal einmal im Monat.

So bunt wie das Leben sind die Themen. „Das können normale Alltagsgespräche sein, wie man sie am Gartenzaun mit dem Nachbarn führen würde“, erzählt die 65-jährige Vereinsvorsitzende. „Aber wir hatten auch schon tief gehende politische Diskussionen.“ Nicht nur das: „Wir singen, wir beten, wir lesen Gedichte vor – wir machen alles.“ Und zwar sehr niedrigschwellig. „Wir kommen viel eher durch die Tür als ein professionelles Hilfsangebot“, sagt Rütten. Lassen sich ältere Menschen erst mal auf die „Wohlfühlanrufe“ ein, öffnen sie sich auch für weitere Hilfen, und die Telefondamen suchen ihnen passende Adressen heraus.

Außerdem, so hat Rütten festgestellt, wirken die Anrufe aktivierend. „Sie machen Lust, mal wieder rauszugehen, etwas Neues zu entdecken.“ Oder mit Konflikten in der Familie anders umzugehen. Eine 92-Jährige, die eigentlich nicht unter Einsamkeit leidet, lässt sich vor allem deshalb anklingeln, damit sie mal wieder Platt schnacken kann. Und mit einer Kundin in Sachsen intoniert Rütten regelmäßig „Kein schöner Land“, volle vier Strophen, ziemlich textsicher. Für die Bremerin singt die 70-Jährige viel zu hoch, aber egal: Sie begleitet sie einfach ein paar Töne tiefer. Akustisch kein Genuss, aber menschlich anrührend. „Ich kann an so vielem nicht teilnehmen“, erzählt die gehbehinderte und depressive Frau am anderen Ende der Leitung. Deshalb lässt sie sich jeden Freitag anrufen.

Der Verein

Der gemeinnützige Verein „Ambulante Versorgungsbrücken“ wurde 2009 unter dem Namen „Ambulante Versorgungslücken“ gegründet, um die Betreuung von Klinikpatienten nach ihrer Entlassung zu verbessern. Neben Beratung bietet er „Wohlfühlanrufe“ an, die gegen Einsamkeit helfen oder den Horizont erweitern sollen. Schirmherr und Ehrenmitglied ist Bremens Altbürgermeister Henning Scherf. Kürzlich gewannen die Bremer den bundesweiten Wettbewerb „Zuhause hat Zukunft 2013“ des Hamburger Vereins „Wege aus der Einsamkeit“.

Wenn eine ältere Kundin tagelang nicht zu erreichen ist, dann fragen die Bremer bei den Kindern nach, ob alles in Ordnung ist. Aber einen Hausnotruf können sie nicht ersetzen – und auch der Telefonseelsorge wollen sie keine Konkurrenz machen. „Wir sind kein Krisendienst und keine therapeutische Stelle“, sagt Rütten.

Etwa die Hälfte der Kundinnen bekommen das Telefon-Abo von ihren erwachsenen Kindern geschenkt. Aus Liebe. Und auch aus Verzweiflung. „Ich kann es nicht mehr hören“, sagen manche Angehörigen, wenn Mutter oder Vater zum tausendsten Mal dieselbe Geschichte erzählt. Die 15 Ehrenamtlichen können Wiederholungen besser aushalten. Bevor sie an eines der drei Vereinstelefone gelassen werden, müssen sie an mindestens sechs Schulungsterminen teilnehmen. Da geht es um Gesprächsführung, Schweigepflicht, Dokumentation der Gespräche oder auch um den Umgang mit rassistischen Sprüchen.

Viele der Ehrenamtlichen kommen aus dem Sozial- oder Gesundheitsbereich, waren Lehrerin oder Arzthelferin. Fast alle sind im Rentenalter, die älteste ist 84. Sie wollen etwas Sinnvolles tun. Und werden durch die Gespräche belohnt. „Hinterher leuchten ihre Augen“, sagt Rütten und hofft: „Und die der Angerufenen wahrscheinlich auch.“

von Eckhard Stengel

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