Psychotherapeuten sorgen sich um junge Männer

Die armen Jungs

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Früher galten Mädchen als benachteiligt - heute sind es die Jungen.

Berlin - Jungen bekommen mehr als doppelt so häufig Antipsychotika verordnet wie Mädchen und sind deutlich häufiger zur Behandlung im Krankenhaus. Psychotherapeuten sorgen sich um die jungen Männer - was läuft da nur alles schief?

Jungen und Mädchen sind anders, das muss man niemandem erklären. Aber wer es schwerer im Leben hat – das männliche oder das weibliche Geschlecht –, darüber streiten die Geister seit Jahrhunderten. Inzwischen gibt es verstärkt die Neigung, sich insbesondere um das Wohlbefinden der Jungen zu sorgen. Die Bundesfrauenministerin gründete ein Jungenreferat; das Bundesgesundheitsministerium veranstaltet regelmäßig Männergesundheitstage. Und am Dienstag diskutierten Experten auf Einladung der Bundespsychotherapeutenkammer in Berlin einen Tag lang über die Frage „Diagnose Junge – Pathologisierung eines Geschlechts?“. Es sei an der Zeit, darüber nachzudenken, wie man die Gefährdungen für Jungen verringern könnte, sagte Peter Lehndorfer, Vorstandsmitglied der Kammer.

Tatsächlich machen die Mädchen aktuell eine bessere Figur. Sie sind zwar zahlenmäßig leicht im Hintertreffen (48,7 Prozent der Geburten), aber sie sind gesünder und fitter. Jungen besuchen nicht nur doppelt so oft Förderschulen wie Mädchen, sie verursachen auch höhere Krankheitskosten. Das gilt besonders bei psychischen Erkrankungen.

So ist das Risiko für einen Jungen ab dem siebten Lebensjahr, an dem Zappelphilipp-Syndrom ADHS zu erkranken, viermal höher als bei einem Mädchen. Jungen bekommen mehr als doppelt so häufig Antipsychotika verordnet wie Mädchen und sind deutlich häufiger zur Behandlung im Krankenhaus. Familien mit pubertierenden Jungen sind stärker auf erzieherische Hilfen vom Jugendamt angewiesen. Was läuft da nur alles schief?

Die Psychotherapeuten haben kein Patentrezept. Sie raten, die Lebensbedingungen zu ändern, in denen Jungen aufwachsen. Sie empfehlen, eine Welt zu schaffen, die zu Jungen besser passt. Eine Anleitung bleiben sie schuldig. Was macht den Mann zum Mann? Die Debatte tobt seit Jahren. Der Macho hat abgedankt, aber wie sieht sein Nachfolger aus? Fest steht, dass sich Arbeitsministerin Andrea Nahles etwas Neues überlegen muss. Die SPD-Politikerin behauptet gern, dass sie es nicht leicht gehabt habe, da sie ja ein Mädchen vom Lande sei. Dies überzeugt nicht mehr.

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