Casinostadt südlich von New York City

Atlantic City nach Hurrikan "Sandy": Besuch in einer Geisterstadt

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Die Casinostadt Atlantic City wurde vom Hurrikan "Sandy" schwer getroffen.

Atlantic City - In Atlantic City kehrt das Leben nach dem Hurrikan "Sandy" nur mühsam zurück. Besonders betroffen sind die Ärmsten der Armen.

Das lautstarke Röhren der Notstromaggregate übertönt die Leere. In den vergangenen 15 Minuten fuhren zwei Polizeiwagen vorbei und drei Pickups mit Bauarbeitern, die Richtung Promenade unterwegs sind. Ansonsten erscheint die "Pacific Avenue" an diesem Sonnabend wie ausgestorben. Wo sonst tausende Touristen schlendern, steht fast alles still. Auch fünf Tage nach dem Unglück sind viele Läden verbarrikadiert und diverse Sandsäcke liegen entlang der Bürgersteige. Am Montagabend schlug Hurrikan "Sandy" an diesem Küstenabschnitt erstmals auf das Festland. Atlantic City, die Casinostadt 200 Kilometer südlich von New York City, wurde vollständig evakuiert. An diesem Wochenende sollen die Menschen in die Geisterstadt zurückkehren. Doch der Neuanfang ist schwieriger als erwartet.

Über mehrere Kilometer war der gesamte Küstenstreifen überflutet. Viele Geschäftsleute und Anwohner hatten in aller Eile ihre Keller und Erdgeschosse leergeräumt, dennoch sind die Schäden enorm. Ein erstes Bild von der Lage macht sich an diesem Vormittag David Rubenstein, der im Management eines kleinen Supermarktes arbeitet: "Unsere elektrischen Anlagen sind ausgefallen. Wir müssen die gesamten Kühlsysteme erneuern. Und wie sehr das Gebäude gelitten hat, vermag ich noch gar nicht zu sagen." Der 53-Jährige bekennt ganz offen: "Ich glaube, wir stehen alle irgendwie unter Schock. Wir räumen hier stundenlang auf, aber so richtig ist uns nicht bewusst, was passiert ist."

Seltsam ruhig geht es auch im "Convention Center" zu. Dort, wo sich die Stadt sonst von ihrer schönsten Seite zeigt, warten mehrere hundert Menschen geduldig im Eingangsbereich. Es sind vor allem Senioren und Behinderte in Rollstühlen, die kein Auto besitzen und mit Schulbussen nach Hause gefahren werden. In langen Schlangen warten sie schweigend darauf, dass sie an die Reihe kommen.

Gleich gegenüber des Veranstaltungszentrums liegt das große Sheraton, das als erstes Hotel in der Stadt wieder geöffnet hat und vor allem den vielen Hilfsorganisationen als kurzzeitiger Standort dient. Zu den Helfern zählt Penelope Crump von "Save the Children". Die 42-Jährige ist gerade mit einem Dutzend Mitarbeitern in der Krisenstadt eingetroffen und will in den besonders betroffenen Gebieten psychologische Betreuung für Kinder und Jugendliche anbieten. "Viele Kleine hatten in den vergangenen Tagen traumatische Erlebnisse. Die überstürzte Flucht aus dem eigenen Zuhause, all die Zerstörungen. Und dann noch die Ungewissheit, was wohl kommen mag", beschreibt Crump die Leiden der Jüngsten.

Von dem Unglück der Älteren lässt sich an diesem Wochenende Patrick Campbell erzählen. Der 47-Jährige ist seit 15 Jahren Barkeeper im Sheraton und gehört zu den ersten, die in die Stadt zurückkehrten. Campbell selbst hatte Glück gehabt. Er lebt mit seiner vierköpfigen Familie in dem Städtchen Ventnor unweit von Atlantic City in einem Haus, das leicht erhöht liegt: "In dieser Woche haben wir zwar keinen Strom, viele Lebensmittel sind verdorben, da die Kühlschränke nicht funktionieren. Aber ansonsten ist alles glimpflich abgegangen."

Ventnor liegt wenige Kilometer südlich von Atlantic City. Hätte Campbells Haus stattdessen wenige Kilometer nördlich gelegen, wäre er heute wahrscheinlich obdachlos: "Der Zugang zu den richtig schwer betroffenen Gebieten ist noch immer gesperrt. Aber es gibt einige kleinere Siedlungen, die sind völlig ausgelöscht. Gott sei Dank wurden die Menschen vorher in Sicherheit gebracht."

An seiner Bar treffen sich an diesem Wochenende diverse Gäste, die nicht in dem Hotel übernachten, sondern nur in einer ruhigen Minute ein Bier trinken und ein bisschen verschnaufen wollen: "Die Leute in Atlantic City kennen mich und vertrauen mir ihre Sorgen an. Nach so schlimmen Erlebnissen müssen wir uns doch gegenseitig zuhören. Das hilft."

Campbell sagt, dass von den Rückkehrern keine Klagen über die Behörden zu hören seien. Sturmgeschädigte könnten sich bei der Stadtverwaltung melden und Nothilfe beantragen, und wen es besonders hart getroffen hat, wird in diesen Tagen von der Nationalgarde und von privaten Hilfsorganisationen mit dem Nötigsten versorgt. Präsident Barack Obama und Gouverneur Chris Christie hatten unmittelbar nach der Naturkatastrophe die Schäden in Atlantic City besichtigt und diverse Soforthilfen zugesagt. Doch was hilft das, wenn das eigene Haus so schwer beschädigt ist, dass es abgerissen werden muss? Oder wenn die Firma, bei der man arbeitet, so hohe Verluste erlitten hat, dass sie pleite geht?

Die Stadt, die die Ostküstenbewohner wegen ihrer vielen Casinos zumeist "Little Las Vegas" nennen, bietet nach dem Sturm ein höchst widersprüchliches Bild: Während die Mitarbeiter im "Trump Plaza", im "Caesars" und im "Ballys" wieder alles auf Hochglanz polieren, wirkt das ärmste Viertel wie ausgestorben. Die Vermont Avenue, die New Hampshire Avenue und vor allem Saint Katherine Place sind verwüstet. Schwere Holzbalken liegen kreuz und quer über der Straße, an einigen Häusern fehlen Fenster und Türen, Stromkabel hängen an windschiefen Masten. "Dieses Viertel sah schon vor dem Sturm herunterkommen aus", sagt ein Polizist, der an diesem Vormittag hier auf Streife unterwegs ist, "aber jetzt gleicht es einem Kriegsgebiet." Die alte Siedlung liegt nur wenige Schritte vom Meer entfernt, an dieser Stelle muss sich der Hurrikan so richtig ausgetobt haben. Der Polizist ist erschüttert: "Warum trifft es immer die Ärmsten der Armen?"

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