„Brunstalarm“ im Stall

Auch Kühe schicken SMS

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Foto: Behält den Überblick: Landwirt Ulrich Westrup.

Bissendorf - Moderne Informationstechnik im Stall macht den Bauern jetzt das Leben leichter: Ein Chip am Halsband einer Kuh registriert, wann sich das Tier auffällig verhält und so seine Paarungsbereitschaft signalisiert. Der Bauer bekommt dann eine SMS auf sein Handy. Die Kuh funkt „Brunstalarm“.

Neben dem Eingang zu dem großen Kuhstall hängt ein kleiner blauer Kasten. Er fällt kaum auf und ähnelt einem Transistorradio, allerdings hat er zwei Antennen. Das Gerät arbeitet rund um die Uhr, sieben Tage in jeder Woche. Ulrich Westrup lobt die große Zuverlässigkeit und Präzision. In Bissendorf bei Osnabrück hält der Landwirt 600 Milchkühe und etwa genauso viel weibliches Jungvieh. Die Tiere gehören der Westrup-Koch GbR, einem Zusammenschluss von fünf bäuerlichen Gesellschaftern. Das Unternehmen setzt auf Hightech im Stall und auf dem Acker – und fährt offensichtlich gut damit.

Massenställe, gespickt mit moderner Technik – das passt nicht zum Bild der glücklichen Kuh auf der Alm, das die Verbraucher von der Milchtüte kennen. Die Wirklichkeit in den meisten deutschen Agrarbetrieben sieht ganz anders aus als das romantische Werbefoto glauben machen will. Landwirtschaft ist ein hartes Geschäft. Und schon immer wurde hierfür modernste Technik eingesetzt.

Kühe sollen möglichst viel Milch geben. Das tun sie nur, wenn sie regelmäßig trächtig werden und ein Kalb gebären. Die Befruchtung läuft per Samenspritze. Und nun wird der richtige Zeitpunkt mithilfe moderner IT-Technik abgepasst. In der Branche herrscht ein harter Wettbewerb. Nur mit modernster Technologie sei gutes Geld zu verdienen, meinen Bauern wie Westrup.

Das unscheinbare blaue Gerät neben seinem Stalltor sammelt mit der einen Antenne die Daten ein, die ein blauer Funkchip am Halsband der Kühe alle 30 Minuten ermittelt. Mit der anderen Antenne werden die Messergebnisse alle 30 Minuten an ein Rechenzentrum in Frankreich gesendet. So kann Westrup jederzeit erkennen, wann eine seiner Hochleistungskühe brünstig ist und besamt werden sollte.

„Meine Mitarbeiter kennen die Tiere zwar sehr gut, aber mit technischer Hilfe schaffen wir es doch besser, den fruchtbaren Moment einer Kuh optimal zu nutzen“, erklärt der Landwirt. „Die Erfolgsquote beim Besamen ist heute viel höher als noch zu der Zeit, als wir uns allein auf unsere Augen verlassen haben.“ Experten bestätigen das. Gelang vor zehn Jahren in Deutschland nur eine von vier Besamungen, sind heute nur noch 1,3 Versuche die Regel.

Im Detail funktioniert das elektronische System so: Der Chip am Halsband der Kuh registriert, wann sich das Tier auffällig verhält und so seine Paarungsbereitschaft signalisiert. Brünstige Kühe ändern ihre Kopfhaltung, springen manchmal auf Stallgenossinnen auf und bewegen sich mehr als sonst. Wird dies im Rechenzentrum registriert, bekommt Westrup eine erste SMS auf sein Handy. Die Kuh funkt „Brunstalarm“. Ist die Kuh tatsächlich empfangsbereit, folgt die zweite Message aus dem Stall: „Brunst bestätigt!“

Dann bleibt nur noch wenig Zeit, die Besamungsspritze zu füllen. Sechs bis sieben Stunden, schätzt Westrup, ist das „Besamungsfenster“ geöffnet. Und wie findet der Bauer die Kuh im Stall, die auf Sex erpicht ist? Sensoren erkennen die empfangsbereite Kuh beim Melken, vom Melkstand wird sie dann in den Besamungsbereich geleitet.

Kommen Bauer oder Tierarzt zu spät mit dem Bullensperma, ist der ganze Aufwand vergebens. Erst nach 21 Tagen lässt der Zyklus der Kuh einen neuen Versuch zu. „Deshalb ist es wichtig, immer zur rechten Zeit mit der Spermapistole vor Ort zu sein“, sagt Westrup. Wer erfolglos besamt, verliert Geld. Pro Tag mindestens drei Euro, hinzu kommen die Kosten für das Sperma und gegebenenfalls für den Tierarzt. So können pro verpassten Termin schnell Verluste von 100 Euro pro Kuh entstehen.

Für Westrup und ein paar tausend andere Milchbauern in Europa rechnet sich deshalb das elektronische „Brunsterkennungs- und -meldesystem“. Es ist von der französischen Firma Medria entwickelt worden, trägt den Namen „Heatphone“ und funktioniert in Deutschland mit Hilfe der Telekom, die eine spezielle SIM-Karte im Angebot hat. „Wir ersparen den Bauern ein wenig Stress und tragen im Kuhstall zu einer höheren Reproduktionsrate bei“, heißt es bei der Telekom. Westrup drückt das so aus: „Ich kann jetzt nachts durchschlafen und muss nicht ständig im Stall sein.“

Ein Betrieb steht für Wachstum

Fünf Landwirte im Landkreis Osnabrück tragen heute die Westrup-Koch GbR. Zwischen dem Teutoburger Wald und dem Wiehengebirge bewirtschaftet das Unternehmen bürgerlichen Rechts (GbR) 700 Hektar Land. Auf 540 Hektar werden überwiegend Weizen, Gerste, Mais und Triticale angebaut, der Rest ist Grasland. Neben den fünf Gesellschaftern sind weitere neun Mitarbeiter in dem Großbetrieb tätig. Die GbR konzentriert sich auf die Milcherzeugung. Zum Betrieb gehören seit 2009 eine Biogasanlage sowie modernste, per GPS gesteuerte Ackerschlepper. Die Keimzelle der GbR entstand 1983, als Bauer Westrup senior mit seinen Söhnen Ulrich und Dirk ein Gemeinschaftsunternehmen ins Leben rief. Damals hielt die Familie Westrup 130 Kühe. 1998 trat Christian Koch, ein ehemaliger Auszubildender, mit seinem Familienbetrieb als Gesellschafter ein. Weitere Gesellschafter folgten. vdB

Auch im Kuhstall gilt das Motto „Zeit ist Geld“. Den Hochleistungstieren, die sich auf modernen Höfen jederzeit frei bewegen können und viel Platz zum Entspannen und Wiederkäuen haben, ist bei der Reproduktion keine große Verschnaufpause vergönnt. Früher brachte eine Kuh, wenn es optimal lief, etwa alle 407 Tage ein Kalb zur Welt. In der Westrup-Koch GbR ist diese Spanne mittlerweile auf 396 Tage gesunken. Trotzdem geht es den Tieren anscheinend recht gut. Viele Milchbauern müssen jedes Jahr etwa 35 Prozent ihrer Tiere auswechseln, in Bissendorf sind es nur 20 Prozent.

Auch mit der Leistung seiner Kühe ist Westrup zufrieden. Der Herdendurchschnitt liegt seit etwa sieben Jahren schon bei 11 500 Litern Milch pro Kuh und Jahr. Zum Vergleich: 1995 erzeugte eine deutsche Kuh im Schnitt jährlich nur 5400 Liter. Milchbauer Westrup versorgt seine Tiere nur mit Gentechnik-freiem Futter, das im eigenen Betrieb zusammengestellt wird. Der Grund: Die Milch wird fast ausnahmslos zur Produktion hochwertiger Babynahrung verwendet. „Da gibt es besondere Auflagen, die haben wir einzuhalten, aber dafür bekommen wir auch etwas mehr Geld für unsere Milch.“

Die Sensorik zur Brunsterkennung ist nicht das einzige Hightech-System in dem erst kürzlich erweiterten Stall. Westrup hat auch eine ganze Menge Funkthermometer gekauft. Sie dienen nicht der Temperaturmessung in den Gebäuden, sondern arbeiten gewissermaßen als Geburtswarner. Die Geräte werden in die Scheide der hochträchtigen Kuh implantiert. Ist der fünfte Tag vor der Abkalbung erreicht, nimmt die Körperwärme von 38,5 auf bis zu 39,8 Grad zu. Nach weiteren zwei Tagen sinkt sie auf etwa 38,2 Grad. Diese Daten übermittelt die Telekom auf Westrups PC, zusätzlich kommt eine SMS aufs Handy. Mit dem Einsetzen der Geburt wird der Sensor ausgeschieden, und der Bauer erhält die zweite Nachricht: „Abkalbung beginnt“.

So kann der Landwirt die Kuh rechtzeitig aufsuchen und bei der Geburt unterstützen. „Das macht sich bezahlt, und wir machen uns weniger Vorwürfe, weil eine Abkalbung schief ging“, sagt Westrup. Die Totgeburtenrate in seinem Stall sei von acht auf fünf Prozent gesunken. „Auch mit diesem Wert können wir uns sehen lassen.“

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