Philologentag in Goslar

Aufstand der Lehrer

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Foto: „Bitte überdenken Sie den Klassenfahrtenboykott“: Kultusministerin Frauke Heiligenstadt wirbt beim Philologentag in Goslar um Verständnis.

Goslar - „Hier steht keine Maschine, ich bin ein Mensch.“ Der lautstarke Protest der Gymnasiallehrer gegen die Erhöhung ihrer Unterrichtsverpflichtung geht Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) sichtlich unter die Haut. Sie verteidigte in Goslar die Mehrarbeit an Gymnasien, aber ihre Botschaft kam nicht an.

Ihr Ton ist ruhig, als sie am Mittwoch beim Philologentag in Goslar die Pläne der Regierungskoalition verteidigt. Lehrer an Gymnasien sollen – statt 23,5 – ab dem nächsten Sommer 24,5 Stunden in der Woche unterrichten. Die Altersermäßigung für Lehrer ab 55 Jahren soll vorerst ausgesetzt werden. Nur Pädagogen, die älter als 60 Jahre sind, sollen weiterhin eine Stunde weniger unterrichten.

Immer wieder wird die SPD-Politikerin Heiligenstadt während ihres halbstündigen Erklärungsversuchs von Zwischen- und Buhrufen oder höhnischem Gelächter unterbrochen. Sie redet von mehr Krippenplätzen, besser ausgestatteten Ganztagsschulen, behinderten Kindern, die jetzt auch reguläre Gymnasien besuchen dürfen („Es geht um die Umsetzung eines Menschenrechts“), von der Erhöhung des Fortbildungsangebots und davon, dass Niedersachsen bis 2017 seinen Bildungsetat um eine Milliarde Euro aufstocken wird: „Das ist einzigartig.“

Aber bei den rund 350 Gymnasiallehrern im Saal kommt Heiligenstadts Botschaft nicht an. Sie wollen nichts hören von der „Bildungsoffensive“, von „dialogischer Schulinspektion“ oder von „besseren Chancen für jedes Kind unabhängig vom Wohnort und der sozialen Herkunft“. Sie fordern von der Kultusministerin, den Beschluss zur Mehrarbeit zurückzunehmen.

Es sei ein Beschluss ohne Not, hatte der Chef des Philologenverbandes, Horst Audritz, in seiner kämpferischen Rede gesagt. Ein Beschluss ohne jegliche Sachgrundlage. Die Entscheidung sei willkürlich und wortbrüchig, weil die Lehrer so um den Ausgleich ihrer Überstunden gebracht würden, die sie über zehn Jahre angesammelt hätten. Das Arbeitszeitversprechen der früheren SPD-Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper sei ohne Skrupel vom Tisch gewischt worden. Er spricht von einer „explosiven Stimmung in den Kollegien“, von einem Aufstand, der von unten stetig wachse und zunehmend auch Schüler und Eltern erfasse.

Das, was Heiligenstadt „Umschichtungen im Haushalt“ nennt, ist für Audritz schlicht ein „Sonderopfer“. „Was soll ich meinen Schülern sagen, wenn sie mich nach Glaubwürdigkeit fragen“, sagt Audritz, der an einem Gymnasium in Wolfenbüttel Deutsch und Politik unterrichtet, unter tosendem Beifall der Zuhörer. Nach immer neuen Reformen durch die schwarz-gelbe Vorgängerregierung (Abschaffung der Orientierungsstufe, Einführung des Zentralabiturs, Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien auf acht Jahre, die Vergrößerung der Klassen) habe Rot-Grün jetzt das Fass zum Überlaufen gebracht.

„Die Lehrer wollen nicht mehr, und sie können auch nicht mehr“, ruft Audritz. Eine Stunde mehr Unterricht bedeute zwei Zeitstunden mehr Arbeit in der Woche, für ältere Pädagogen seien es sogar vier.

Heiligenstadt hält die Mehrarbeit und die Aussetzung der Altersermäßigung – trotz aller Belastung – für vertretbar. Sie bittet die Schulen, den Boykott von Klassenfahrten, der an mehr als 50 Gymnasien in der Region Hannover schon beschlossene Sache ist, „noch einmal ernsthaft zu überdenken“. CDU-Bildungsexperte Kai Seefried zeigt sich enttäuscht: „Die Ministerin hätte die Chance gehabt, die Sparmaßnahmen zurückzunehmen.

Rot-Grün muss es nur wollen, den finanziellen Spielraum haben sie.“ Elternvertreterin Petra Wiedenroth hofft, dass nach der emotionalen Debatte um Lehrerarbeitszeit bald auch andere Themen wie Stress in der Mittelstufe oder die Verbesserung des Mathematik- und Physikunterrichts wieder ins Blickfeld rücken.

dpa

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