Stipendienprogramm

Aus Aufsteigern sollen Fachkräfte werden

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Stipendiatin Jessica Goslar (li.) und ihre Mentorin Christin Müller von Bahlsen.

Hannover - Die Niedersächsischen Unternehmerverbände und die Leibniz Universität Hannover vergeben 20 Stipendien an qualifizierte Studenten aus Nicht-Akademikerfamilien.

Sie hat es geschafft. Jessica Goslar ist die erste in ihrer Familie, die Abitur gemacht hat, die studiert. An der Hochschule Hannover ist die 21-Jährige seit zwei Semestern für Betriebswirtschaftslehre eingeschrieben. Damit gehört Goslar zu den sogenannten Bildungsaufsteigern - Studenten aus Nicht-Akademikerfamilien. Genau für diese jungen Menschen hat die Hochschule Hannover und die Unternehmerverbände Niedersachsen das Stipendienprogramm „Aufsteiger gesucht!“ ins Leben gerufen - und Goslar gehört zu den ersten 20 Stipendiaten aus Niedersachsen.

„Meine Familie ist wahnsinnig stolz auf mich“, sagt die 21-Jährige. Zusammen mit ihren drei Brüdern ist die Vollwaise bei Onkel und Tante aufgewachsen. Ihr Onkel ist bei der Deutschen Bahn, die Tante arbeitete bei einer Bank. Studiert haben beide nicht. Auch Goslars Brüder haben sich lieber für Ausbildungen entschieden. Doch die Studentin wollte schon immer hoch hinaus. Dass sich ihr Ehrgeiz einmal auszahlen würde, damit hatte die junge Frau aber nicht gerechnet, als sie sich für das Stipendium bewarb. „Als ich davon hörte, habe ich es einfach probiert“, sagt sie. Umso aufgeregter sei sie gewesen, als sie relativ schnell zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Das Ergebnis: Der Kekshersteller Bahlsen wird sich ein Jahr lang um Goslar kümmern.

Laut Statistik beginnen nur 24 Prozent der jungen Menschen aus Nicht-Akademikerfamilien ein Studium. Mit dem Projekt „Aufsteiger gesucht!“ streben die niedersächsischen Unternehmerverbände ein erhöhtes Interesse am Studium und eine geringere Abbrecherquote an. Zehn Unternehmen haben sich dazu entschieden, 20 Studenten zu fördern und Stipendien an acht niedersächsische Universitäten und Fachhochschulen in Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Osnabrück, Göttingen und Clausthal zu vergeben.

Die jungen Akademiker erhalten ein Jahr lang umfassenden Einblick in Firmen des Bundeslandes. Was Goslar für das Stipendium qualifiziert hat? Die junge Frau schreibt nicht nur gute Noten, sie engagiert sich auch. Neben ihrem Lehrplan arbeitet sie im Marketing-Team, einer Studenteninitiative, das Projekte mit Unternehmen organisiert. Zudem geht sie jobben - mal in der Bäckerei, mal in der Gastronomie. „Das brauche ich aber jetzt nicht mehr“, sagt Goslar glücklich. Im Rahmen des Stipendiums erhält sie 300 Euro monatlich. Auf die Mitarbeit in einem Tutorium, die ihr von der Universität erst kürzlich angeboten wurde, will sie aber nicht verzichten. Die passt noch ins Zeitmanagement.

Die Firma Bahlsen nimmt in der Funktion einer Mentorin Goslar nun für ein Jahr unter ihre Fittiche: Erste Kennenlerngespräche, Führungen durch die Fabrik, Unterstützung und allgemeine Tipps für das Berufsleben stehen für die 21-Jährige auf dem Programm. Das Unternehmen erhofft sich von „Aufsteiger gesucht!“ die Bindung potentieller Nachwuchskräfte an seinen Betrieb. Nach einem Jahr können Stipendiat und Mentor sich entscheiden, ob sie weiterhin einen gemeinsamen Weg gehen.

„Wir vergeben erstmals ein Stipendium und wollen erfahren, wie junge Studenten heute denken“, sagt Christin Müller, Personalreferentin bei Bahlsen. Man wolle offen an das Projekt heran- und näher auf die Interessen des Stipendiaten eingehen. Eine Mentorenschulung im Vorfeld des Programms habe gezeigt, dass Unternehmen und Stipendiat sich durchaus auch auf Augenhöhe begegnen und voneinander lernen könnten.

Über die Zukunft hat sich Goslar schon einige Gedanken gemacht, ganz festlegen möchte sich die 21-Jährige noch aber noch nicht. Ihre Stärken sieht sie im Bereich Rechnungswesen und Personal. Sie könne sich gut vorstellen, später etwas „in dieser Richtung“ zu machen. Erst einmal will sie sich aber auf ihr BWL-Studium konzentrieren. Den Bachelorabschluss will sie auf jeden Fall in der Tasche haben und auch mit dem Masterabschluss liebäugelt die Studentin schon.

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