LKA-Ermittler gegen Kinderpornografie

Die Augen des Gesetzes

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Hannover - An manchen Tagen fährt Kriminalhauptkommissar Michael Schillig mit der Gewissheit ins Büro, dass er heute wieder Tausende dieser furchtbaren Fotos ansehen muss. Niedersachsens LKA-Ermittler im Kampf gegen tausende kinderpornografische Bilder und Filme: Wie hält man solche Eindrücke aus?

Mädchen und Jungen, die irgendwo auf der Welt aufreizend vor einer Kamera posieren, benutzt und fotografiert von Erwachsenen. Das sind die harmloseren Bilder, ohne sichtbare Gewalt. Die brutalen Fotos und Filme zeigen Männer, die Kleinkinder vergewaltigen. Manche liegen in Fesseln. Zweijährige, die entjungfert werden. Läuft der Ton, ist es noch schlimmer.

Man muss diese Aufnahmen nicht selbst gesehen haben, um zu fragen: Wie ist es möglich, Bilder auszuhalten, die selbst wenig empfindsame Menschen fassungslos machen?

Zum Beruf von Michael Schillig, 43, Vater einer kleinen Tochter, gehört es, solche Darstellungen nicht nur zu ertragen, seine Aufgabe ist es, diese Bilder zu suchen. Er arbeitet beim Landeskriminalamt Niedersachsen, ist dort zuständig für Internetkriminalität und besonders Kinderpornografie. Schillig und seine Kollegen forschen im Netz nach verbotenen Bildern und Material in der Grauzone, sie suchen Opfer und Täter. „Das muss man sich vorstellen wie eine Streife im Internet“, sagt Schillig. Eine Streife, die auf eigene Faust in Foren und Tauschbörsen unterwegs ist. Sie geht Hinweisen nach, die aus Familien kommen, von Internetprovidern, PC-Klempnern, von Kollegen, auch aus dem Ausland. Das Netz kennt keine Grenzen. Der Vertrieb von Kinderpornografie auch nicht. Schillig erzählt an diesem Morgen betont sachlich von seiner Arbeit, im Polizeijargon, der Tatsachen kühl beschreibt, ohne zu werten. Nichts ist zu spüren von Wut auf Täter oder Mitgefühl mit Opfern. Man muss nachfragen, um zu erfahren, dass es diese Empfindungen gibt. Zorn auf Täter, die er auf Fotos sieht, Gedanken an die Kinder. Nur ist Wut kein guter Kommissar. In solchen Momenten muss er runterkommen von persönlichen Gefühlen. Routine hilft, sagt Schillig. Er nennt es den „professionellen Blick“: Ekel ausblenden, analysieren, vorankommen. Am Computer muss der Ermittler in ihm funktionieren.

In guten Momenten sind Michael Schillig und sein Kollege Felix Piechota, 28, in den dunklen Ecken des Internets zur Stelle, wenn sie gebraucht werden. Das war so, als sie im Tor-Netzwerk, einem Bereich des Internets, den Suchmaschinen wie Google wegen komplizierter Verschlüsselung nicht finden, auf Bilder eines missbrauchten Kindes stießen, auch ein Mann war zu erkennen. Der professionelle Blick von Piechota sammelte Informationen: Augenfarbe, Sprache, Muttermale, Hinweise, die Aufschluss über den Tatort geben können. Er nennt keine Details, Täter sollen nichts lernen von der Polizeiarbeit. Das Bild ging an alle Polizeidirektionen, Beamte erkannten den Ort, dann half das Glück. Mutter und Tochter waren der Polizei bekannt, der Weg zum Vater, dem Vergewaltiger, war kurz. Inzwischen sitzt er in Haft, verurteilt zu achteinhalb Jahren.

Heikler war ein Fall aus Osnabrück. In einem Pädophilenforum fanden Ermittler dort ein Foto, auf dem deutlich ein Mädchen zu erkennen war. Bilder, die vermutlich in Deutschland aufgenommen worden waren, jedenfalls vermuteten sie es. Das Foto zu veröffentlichen war unmöglich, das Kind hätte jeden Schutz verloren. Also gingen überall im Land Polizisten los, um in aller Stille an Schulen nach dem Kind zu suchen. „Da war enorme Laufarbeit der Kollegen vor Ort notwendig“, sagt Schillig anerkennend zu dieser kriminalistischen Fleißarbeit.

Aber trotz aller Erfolge: Die nahezu unbegrenzte Speicherkapazität für digitale Daten ist für Ermittler ein Problem. Bei Hausdurchsuchungen treffen sie oft auf mehrere Laptops, externe Festplatten, Spindeln voller DVDs, auf Smart­phones und Tablets, in codierte Clouds wird weiteres Material verschoben. Ist es den Experten im LKA gelungen, Passwörter zu knacken und Zugangscodes zu entschlüsseln, stoßen die Cyber­crime-Fahnder oft auf einige Hunderttausend Bilder, Pädophile horten einmal beschafftes Material. Jedes Bild muss gesichtet werden. „Wenn jemand eine Million Bilder hat, gucken wir eben eine Million Bilder an“, sagt Piechota.

Irgendwo, auf einer der Aufnahmen, ist womöglich der Moment zu finden, der zeigt, dass ein Sammler auch ein Missbrauchstäter sein könnte. Die im LKA Niedersachsen entwickelte Software Uranos hilft bei der Auswertung, eine Datenbank gleicht Bilder ab. Den menschlichen Blick ersetzt das Programm nicht.

Schwierige Entscheidungen

Nicht immer ist die Situation jedoch so eindeutig, wenn das Landeskriminalamt Hinweise auf mögliche Fälle von Kinderpornografie bekommt. Die Ermittlungen gegen den früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy etwa haben der Staatsanwaltschaft Hannover viel Kritik eingebracht. Die Hausdurchsuchung wurde publik und unklar blieb, ob er überhaupt illegale Bilder gekauft hat. Er bestreitet es. Für die Ermittler eine klassische Frage. Sie müssen klären, was noch erlaubt und was verboten ist. Und sie müssen entscheiden, ob jemand, der Fotos von posierenden Kindern besitzt, Schlimmeres zu verbergen hat. Bei Edathy haben Ermittler genau das vermutet – und durchsucht, womöglich zu einem Zeitpunkt, an dem er noch Immunität genoss.Schillig will sich zu dem Fall nicht äußern. Das LKA war maßgeblich beteiligt, und die Ermittlungen gegen den Politiker sind noch nicht beendet. Aber man kann ihn fragen, wann sein Verdacht geweckt wird bei seinen Streifzügen durchs Internet. Wo beginnt sein Misstrauen? „Wenn zum Beispiel jemand bereit ist, viel Geld auszugeben. Wofür? Warum will jemand Bilder von Kindern kaufen, die aufreizend angezogen sind, ohne dass sexuelle Handlungen zu sehen sind? Werden diese Bilder in Foren nach sexuellen Kriterien bewertet, weiß man schon, wo die Reise hingeht.“ Schillig sieht Anlass, dann weiterzuforschen. Folgen Staatsanwälte und Richter seiner Ansicht, dass jemand mit strafbarem Material umgeht, durchsuchen Beamte.

Aber die Internetstreife stößt an Grenzen. Ermittler dürfen keine kinderpornografischen Bilder ins Netz stellen, um sich Zutritt zu Hardcore-Foren zu verschaffen – das ist dort jedoch oft Voraussetzung, um glaubwürdig zu sein. Manchmal dauern Rechtshilfeersuchen an andere Staaten so lange, dass Täter längst verschwunden sind. Fahnder hadern damit, dass die Vorratsdatenspeicherung nicht erlaubt ist, sie könnten sonst Computeraktivitäten von Millionen leichter verfolgen. Schillig sieht diese Einschränkung nicht mit den Augen eines Datenschützers, auch nicht mit privaten Augen, sondern mit Ermittleraugen. Wer nichts zu verbergen habe, der könne doch nicht dagegen sein.

„Man muss nach Feierabend ausschalten können“

Was Felix Piechota und Michael Schillig sehen, ist, wie Kinder benutzt werden, ihr Vertrauen missbraucht, ihnen Gewalt angetan wird. Man muss die Bilder nach Feierabend ausschalten können, sagen sie, aber nicht immer gelingt das. Piechota tut sich diese Arbeit aus einem Grund an: „Missbrauch ist eines der schlimmsten Verbrechen. Das zu verhindern ist eine nützliche Tätigkeit.“

In Michael Schillig sind die ungezählten Stunden am Computer tief eingedrungen. „Ich bin bösgläubiger geworden.“ Bösgläubig – es ist sein Wort dafür, dass er nicht mehr ohne Hintergedanken zuschauen kann, wie jemand Kinder fotografiert.

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