„Kids on Tour“

Bahnprojekt stellt sich auf Patchworkfamilien ein

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„Ich versuche, ihnen die Fahrt so leicht wie möglich zu machen“: Tourbegleiter Sasa Djekic nimmt die Kinder in Empfang – und liefert sie sicher wieder beim anderen Elternteil ab.

Hannover - Weihnachten ist Hochsaison: Immer mehr allein reisende Kinder sind zwischen ihren Familien unterwegs. Mit dem Projekt „Kids on Tour“ pendeln Kinder sicher zwischen Mutters Welt und Vaters Welt.

Das Gedränge ist groß. Bundeswehrsoldaten und gehetzte Geschäftsleute bevölkern den Bahnsteig, die „Zugteilung in Hamm“-Durchsagen sind kaum zu hören in dem Getümmel. An Gleis 11 fährt der Intercity-Express 848 ein, und die Stimmung in der kleinen Gruppe ist gut. Wie Entenküken, die der Mutter folgen, haben sich vier schwatzende Kinder an die Fersen von Sasa Djekic geheftet. In seiner knallblauen „Bahnhofsmission“-Weste bahnt er ihnen den Weg durchs vorweihnachtliche Reisechaos. Er lotst sie sicher in den ICE und hebt ihre kleinen Trolleys in die Gepäckablage. „Ihr könnt die Jacken jetzt ausziehen“, sagt er, und binnen Sekunden türmt sich ein Berg aus Mützen, Schals und Anoraks zwischen den Kindern auf dem Tisch. Über ihren Plätzen leuchtet ein Reservierungshinweis: „Kids on Tour“.

Sasa Djekic arbeitet eigentlich als Sozialarbeiter in Wuppertal. Seit einem Jahr ist der 31-Jährige mit der Strubbelfrisur bei „Kids on Tour“ dabei. Ehrenamtlich begleitet er etwa einmal im Monat alleinreisende Kinder, heute geht es von Hannover nach Düsseldorf. „Für mich ist das eine entspannte Variante zu reisen“, sagt er. „Immer, wenn ich am Ende aussteige, denke ich: ,Das war jetzt aber nett.‘“

Tourbegleiter ist Entertainer

In der Bahnhofsmission übernimmt der in einem Lehrgang geschulte Djekic für jedes Kind eine Art Gebrauchsanweisung: Hat es Allergien? Genug Proviant? Wo ist das Asthmaspray? Der Tourbegleiter hat ein Notfallhandy und ein Erste-Hilfe-Set dabei, doch im Zug ist er vor allem eine Art Entertainer: „Ich bin Uno-Weltmeister – nicht heulen, wenn ihr verliert“, sagt er mit gespielter Arroganz, als er die Karten an die grinsenden Kinder verteilt.

Die Haribo-Tüte kreist, das Eis bricht schnell: Die Kinder plaudern über Weihnachtswunschzettel, das erste Handy, den Playmobil-Bauernhof. Schnell geht es um die wichtigen Themen: „Und? Aus wie vielen Ländern kommst du?“, fragt der zehnjährige Armon seine Nachbarin. „Polen“, „Amerika“ „Albanien“ – die Kinder haben Wurzeln in vielen Ländern. Für sie ist das nichts Besonderes, da ist diese Reisegruppe ein Spiegelbild der deutschen Wirklichkeit. Dennoch erwirbt sich Alejna einen gewissen Respekt, als sie in gleich zwei fremden Sprachen fließend bis zehn zählt: „Meine Mutter ist Französin, mein Vater kommt aus Albanien“, sagt die Zehnjährige hinter ihren Uno-Karten. Jetzt ist sie unterwegs von ihrer französischen Mutter in Nienburg zu ihrem albanischen Vater in Düsseldorf.

Mobile Gesellschaft

Mobilität prägt unsere Zeit wie kaum etwas anderes, das Unterwegssein ist im globalen Dorf für viele zur alltäglichen Lebensform geworden. Man wechselt Wohnsitze und Arbeitsplätze schneller als noch vor ein, zwei Generationen, der Arbeitsmarkt fordert Flexibilität. Doch man bleibt auch jedem Ort ein wenig verhaftet, und manchmal haben schon Kinder mehrere Stationen auf ihrem kurzen Lebensweg hinter sich lassen müssen. „Früher haben wir in Duisburg gelebt“, sagt die achtjährige Paula. Jetzt ist sie aus Hannover auf dem Weg dorthin zurück, und sie freut sich auf das Wochenende: „Meine beste Freundin dort sehe ich total selten.“

Vor allem aber haben Deutsche Bahn und Bahnhofsmission mit dem Projekt „Kids on Tour“ eine Zukunftsaufgabe gefunden. Es ist ihre Antwort auf das Phänomen Patchworkfamilie. Eine Scheidung galt einst als existenzielles Scheitern. Heute ist sie oft eher eine Option, das Leben neu zu ordnen. Allein 2011 wurden in Deutschland rund 188.000 Ehen geschieden. Fast die Hälfte der Paare hatte Kinder unter 18 Jahren. Zwar wachsen noch etwa 80 Prozent der Kinder mit Mutter und Vater auf, doch fast jedes fünfte lebt inzwischen mit einem alleinerziehenden Elternteil. Dazu kommt noch die wachsende Zahl von Kindern, deren Eltern aus beruflichen Gründen in unterschiedlichen Städten leben und das Kind mal hier, mal da betreuen müssen. Für viele dieser Kinder wird der ICE die Verbindung zwischen den zwei Welten, zwischen denen sie pendeln: Mutters Welt und Vaters Welt.

Betreuung allein reisender Kinder bei Fluggesellschaften normal

Was Fluggesellschaften seit Jahrzehnten machen, nämlich die Betreuung allein reisender Kinder garantieren, hat die Bahn erst vor wenigen Jahren entdeckt. „Kids on Tour“ ist so etwas wie ein groß angelegtes Unternehmen zur Familienzusammenführung – und das Projekt wächst: Im Jahr 2004 gingen 856 Kinder mit „Kids on Tour“ auf Reisen, in diesem Jahr waren es schon mehr als 8200. Und über die Feiertage ist Hochsaison: „Im Weihnachtsverkehr haben wir fast doppelt so viele Kinder wie an gewöhnlichen Wochenenden“, sagt Ellen Engel-Kuhn von der Deutschen Bahn. Für viele Eltern ist das Projekt ein Segen: „Zeitlich und finanziell könnte ich es mir gar nicht leisten, meine Tochter immer selbst von Hannover nach Düsseldorf zu holen“, sagt Alejnas Vater.

Manche der Kinder sind schon Stammkunden. „Ich bin heute zum sechsten Mal allein unterwegs“, sagt die elfjährige Sarah. Sie lebt bei ihrem Vater in Braunschweig und besucht ihre Mutter in Düsseldorf. „Und meine zwei nervigen kleinen Halbbrüder“, sagt sie und verdreht hinter der Brille die Augen, um dann sofort stolz ein paar Fotos der nervigen Halbbrüder auf dem Handy vorzuzeigen. Bei dieser Zugfahrt ist viel von Halbbrüdern, „Vollschwestern“ und Stiefmüttern die Rede. Das Vokabular der Patchworkfamilien geht den Jungen und Mädchen ganz selbstverständlich über die Lippen, und keines der Trennungskinder sieht so aus, als würde es wie das trübsinnige „Sanostol“-Kind durchs Leben gehen.

Wenn Tränen fließen

Dabei kann ein Leben auf gepackten Koffern für Kinder auch zur Qual werden: „Manchmal gibt es Dramen, wenn Mütter sich am Bahnhof nicht trennen können“, sagt Barbara Kempnich. Die handfeste Frau steht hinter dem Tresen der Düsseldorfer Bahnhofsmission, die sie leitet. „Je größer der Tanz ist, den Erwachsene beim Abschied machen, desto schneller fließen bei den Kindern Tränen.“ Die Aussicht auf ein Wochenende mit der ungeliebten Stiefmutter, der Abschied vom Vater, ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Elternteil, der allein bleibt – das kann schwer auf einer Kinderseele lasten. Schon die meisten Erwachsenen wissen ja nicht, ob es von „Zuhause“ einen Plural gibt, und für die Kinder kann so eine Zugfahrt zum emotionalen Spagat zwischen Vater und Mutter werden. „Nicht alle Familien kriegen das gut hin“, sagt Kempnich.„Es gibt schon komplizierte Beziehungen“, hat auch „Kids on Tour“-Begleiter Sasa Djekic gelernt. „Manche Kinder ziehen sich ganz zurück und verstecken sich hinterm Gameboy. Intensive Beratung kann ich nicht leisten – aber ich versuche, ihnen die Fahrt so leicht wie möglich zu machen.“ Dann lenkt er Kinder mit Spielen ab. „Gegen Galgenmännchen hat eigentlich keine Konsole eine Chance“, sagt er.

Der ICE nähert sich Dortmund, und beim Stille-Post-Spielen ist aus „Schneckenschleim“ gerade „Schreckenstein“ geworden. Armon muss als Erster raus. Vor drei Monaten ist er mit seiner Mutter nach Celle gezogen, jetzt holt ihn sein Vater am Bahnhof ab. „Wir machen heute mal ’n Männerabend“, sagt der Zehnjährige lässig. Die drei Mädchen nicken. Sie alle freuen sich aufs Wochenende, und sie alle sind zufrieden mit der heutigen Tour. „Mit anderen Kindern wird es eigentlich nie langweilig“, sagt Alejna. „Blöd ist es nur, wenn man alleine unterwegs ist.“

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