Adoption

Das bange Warten auf den Anruf

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Foto: „Da war erst mal nur Panik“: Dominic (v. li.), Daniela, Matthias und Matti Börjes in ihrem Wohnzimmer in Hildesheim.

Hildesheim - Viele Eltern in Niedersachsen wollen ein Kind adoptieren, doch immer seltener kann der Wunsch erfüllt werden. Im vergangenen Jahr wurden landesweit nur noch 370 Kinder und Jugendliche adoptiert. Das sind laut Statistikamt 36 weniger als 2011, ein Jahr zuvor waren es noch 412 Fälle.

Von seinen Freunden wird der zehnjährige Matti manchmal gefragt, was das Wort adoptiert bedeutet. Dann antwortet er: „Ich komme von einer Bauch-Mutter, die mich nicht erziehen konnte. Deshalb haben mich eine andere Mama und ein anderer Papa bei sich aufgenommen.“ Diese anderen Eltern, das sind Daniela und Matthias Börjes aus Hildesheim. Zu ihnen kam Matti am Tag seiner Geburt als zweites Adoptivkind. Zuvor hatten sie schon seinen drei Jahre älteren leiblichen Bruder Dominic aufgenommen.

Dass sie Kinder wollten, war für die heute 41-Jährigen von Anfang an klar. Allerdings auch, dass es keine leiblichen sein würden. Daniela Börjes hat einen angeborenen Herzfehler. Die Ärzte rieten von einer Schwangerschaft ab. Wie viele kinderlose Paare informierten sich die Börjes deshalb beim Jugendamt über das Thema Adoption – und waren wenig später Teil des Bewerbungsverfahrens. „Wir mussten sehr persönliche Informationen preisgeben. Die Mitarbeiter wollten genau wissen, wie unser bisheriges Leben verlaufen ist“, erinnert sich Matthias Börjes.

Es folgte eine Zeit, die die Hildesheimer rückblickend als ihre schwierigste bezeichnen: das Warten. „Die Behörden suchen die passenden Eltern für das Kind und nicht umgekehrt“, erklärt Matthias Börjes. Doch einige Monate nach der ersten Bewerbung kam der Anruf. „Als ein Mitarbeiter vom Jugendamt dran war, wusste ich sofort, was los ist“, sagt Daniela Börjes. Dann ging alles ganz schnell. Ab ins Auto, los zum Krankenhaus. An seine Gedanken in diesem Moment erinnert sich Matthias Börjes noch gut: „Es fühlte sich noch nicht an wie das Ziel aller Träume, da war erst mal nur Panik.“ Ein Kinderzimmer gab es noch nicht. Das ist Auflage des Jugendamtes, damit keine Hoffnungen geweckt werden, die eventuell nicht erfüllt werden können.

Heute begleitet die 41-Jährige selbst andere Adoptionswillige auf dem Weg, den sie bereits hinter sich hat. Sie ist Vorsitzende des Vereins Findefüxxe Hildesheim (www.findefuexxe.de), der Treffen von Adoptiveltern und -kindern organisiert. Das Interesse und die Anfragen zum Thema Adoption seien ungebrochen, berichtet Börjes.

In diesem Punkt unterscheiden sich die Erfahrungen der Hildesheimerin von den Zahlen in Niedersachsen. Im vergangenen Jahr wurden landesweit nur noch 370 Kinder und Jugendliche adoptiert. Das sind laut Statistikamt 36 weniger als 2011, ein Jahr zuvor waren es noch 412 Fälle. Damit setzt sich der Trend der vergangenen Jahre fort.

Für Susanne Reiher, Vorstandsmitglied des niedersächsischen Landesverbandes der Pflege- und Adoptivfamilien, ist das keine Überraschung. Für sie hat die Entwicklung nichts damit zu tun, dass weniger Menschen Kinder adoptieren wollen. Vielmehr seien leibliche Eltern seltener dazu bereit, zuzustimmen. „Das hat auch etwas mit Macht zu tun. Wer seine Kinder zur Adoption freigibt, tritt alle Rechte ab“, sagt Reiher. Und ohne Zustimmung der leiblichen Eltern geht das eben nicht. Deshalb sei das immer häufiger angewendete Modell, dass Kinder, die von den Behörden aus ihren Familien herausgenommen werden müssen, in Pflegefamilien unterkommen. In diesem Fall bleibt das Sorgerecht bei den leiblichen Eltern.

Den mittlerweile 13-jährigen Dominic Börjes interessieren solche rechtlichen Fragen wenig. Im Alltag beschäftigen ihn die selben Dinge wie andere Jugendliche in seinem Alter: Es gibt Streit mit dem Bruder, Freunde kommen zum Computerspielen vorbei. Später will er Informatik studieren. Da bleibt wenig Zeit, um sich über seine leiblichen Eltern Gedanken zu machen: „Das ist mir eigentlich egal.“

Adoptiveltern werden eingehend geprüft

Bevor die Behörden – zuständig sind Jugendämter und freie Träger – grünes Licht geben, prüfen sie genau, ob die Bewerber wirklich bereit sind. Denn Adoption bedeutet: vollkommene Lösung des Kinders aus der Herkunftsfamilie und Übernahme aller Rechte und Pflichten. Zu den Voraussetzungen gehören die Vorlage eines polizeilichen Führungszeugnisses, eines Verdienstnachweises und eines Gesundheitszeugnisses. Diese formalen Kriterien erfüllen fast alle Adoptionswilligen, sagt Brigitte Siebert von der Gemeinsamen Zentralen Adoptionsstelle (GZA) in Hamburg, die auch für Niedersachsen zuständig ist.

Schwieriger sei es, im Einzelfall zu prüfen, ob die potenziellen Eltern bereit und geeignet sind, die Verantwortung für ein fremdes Kind zu übernehmen, das zudem noch häufig aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammt. Eigens dafür ausgebildete Fachleute besuchen die Bewerber deshalb mehrfach zu Hause und führen lange Gespräche mit ihnen, um deren Motive zu beleuchten. „Die Eltern müssen sich von ihrem Wunsch verabschieden, eigene Kinder zu haben. Ein Adoptivkind kann kein Ersatz dafür sein“, betont Siebert.

Um zu gewährleisten, dass künftige Adoptiveltern über die notwendige Reife verfügen, hat der Gesetzgeber Altersgrenzen festgelegt. Wenn Paare ein Kind adoptieren wollen, muss einer der Partner 25 Jahre alt sein, der andere mindestens 21 Jahre. Eine obere Altersgrenze gibt es nicht, in einer Empfehlung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter heißt es jedoch, dass der Altersabstand zwischen Kind und Eltern nicht mehr als 40 Jahre betragen sollte.

Gerko Naumann

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