Niedersachsen erwartet Rekordhochwasser

Bangen, hoffen, warten

+
Foto: Einsatzkräfte der Feuerwehr bauen in Hitzacker eine insgesamt 560 Meter lange Hochwasserschutzwand auf.

Hannover/Lüchow-Dannenberg - Angst vor dem Wasser: In der Kleinstadt Hitzacker bringen die Leute ihr Hab und Gut in Sicherheit. Noch sieht die Elbe eher harmlos aus in Niedersachsen, doch der Eindruck täuscht: Ein Jahrhunderthochwasser wird erwartet. Im Landkreis Lüchow-Dannenberg und in Lüneburg ist Katastrophenalarm ausgerufen.

Der Trecker mit Anhänger brettert mit Tempo 70 über die Landstraße. Er hat in der Abfüllstation im Kieswerk Tramm bei Dannenberg Sandsäcke geladen, nun ist er in Richtung Elbe unterwegs. Überall am Straßenrand stehen an diesem sonnigen Junitag Helfer von THW und Feuerwehr, erste Straßen sind gesperrt. Katastrophenalarm im Kreis Lüchow-Dannenberg. Die Menschen bereiten sich am Mittwoch auf das Hochwasser vor, doch wann es kommt und wie schlimm es diesmal wird, das kann noch niemand richtig sagen.

Ulrike Braun kennt das schon. Die Prähistorikerin leitet das Archäologische Zentrum Hitzacker. 2002, 2003 und 2006 war in dem Freilichtmuseum, einem beliebten Ausflugsziel für Schulklassen, komplett Land unter. Die Museumschefin hat mit den Vorbereitungen auf das Hochwasser begonnen, sie räumt mit ihren Leuten elektrische Werkzeuge auf den Dachboden einer Scheune. Die wertvollen Originalstücke des Museums, uralte Keramikgefäße etwa, kommen ganz weg. "Die werden nach Hitzacker ins Rathaus in den Tresor gebracht. Erster Stock. Da sind sie sicher", sagt Braun. Trotz der nahenden Fluten ist die Museumschefin gelassen: "Wir haben da eine gewisse Routine, was Hochwasser angeht. Wasser rein, Wasser raus, dann wird sauber gemacht."

Jahrhunderthochwasser in Niedersachsen

Beim ersten sogenannten Jahrhunderthochwasser in Niedersachsen im August 2002 waren die Stadt Hitzacker und das Dorf Laasche nahe Gorleben am stärksten betroffen. Das Wasser stieg hier auf 7,51 Meter. Der Gesamtschaden in der niedersächsische Elb-Region lag nach Angaben des Umweltministeriums in Hannover bei 185 Millionen Euro. In Niedersachsen waren bis zu 10 000 freiwillige Helfer im Einsatz. Das blieb aber nicht die einzige Rekordflut. Bereits im April 2006 stand die Innenstadt von Hitzacker wieder komplett unter Wasser, der Scheitelpunkt der Elbe lag dieses Mal bei 7,63 Metern. Fünf Jahre später wurde die Region wieder von schweren Überschwemmungen getroffen. Im Januar 2011 wurden in Hitzacker und Damnatz sogar 7,70 Meter erreicht. Am Pegel Neu Darchau wurden im Januar 2011 genau 11,46 Meter gemessen, im April 2006 waren es nach Angaben des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz nur acht Zentimeter weniger.Seit der Flut 2002 sind allein in den 113 Kilometer langen Schutzbereich „Untere Mittelelbe“ zwischen Schnackenburg und Geesthacht rund 160 Millionen Euro in den Hochwasserschutz an der Elbe investiert worden. Bundesweit liegen die Ausgaben für Schutzmaßnahmen seither bei rund 450 Millionen Euro.

2011 lief es erstmals glimpflich ab. "Da war die neue Sperrwand in Hitzacker dann endlich da. Das hat super geklappt." Einen Kilometer Luftlinie entfernt in der malerischen Altstadt bietet die Johanniskirche einen ungewohnten Anblick: Das Kirchenschiff ist leer geräumt, auf den Emporen sind die Stühle gestapelt, nur Altar und Kanzel stehen noch am gewohnten Ort. Nebenan im Gemeindehaus räumt Kirchenvorstandsmitglied Heike Abel mit ein paar jungen Leuten, die alle schulfrei haben, das Büro leer. Sie sucht starke Hände für ein Klavier, während Möbel auf einen Anhänger geladen werden. "Das ist frisch eingerichtet. Das soll nicht schon wieder kaputt gehen", sagt Abel.

Auch in den Nebenstraßen haben einige Bewohner damit begonnen, Stühle, Tische und Fernseher auf Anhänger zu verladen. Doch es sind nur wenige, die ihr Hab und Gut vor dem Wasser in Sicherheit, obwohl überall an den Fachwerkhäusern alte Hochwassermarkierungen an die Schäden der vergangenen Jahrhunderte erinnern. Etwa 20 Kilometer stromabwärts am Fähranleger Neu Darchau hat das Wasser schon den Parkplatz erreicht. Nebenan füllen rund 30 junge Helfer Sandsäcke auf. Im benachbarten Biergarten sitzen die ersten Katastrophentouristen auf den Stühlen, den Blick mit Ferngläsern auf die Elbe gerichtet. Restaurantmitarbeiterin Gertraud Aust bedient und stapelt zwischendurch das Inventar auf Paletten, die später abgeholt werden sollen. "Uns hat man gesagt, dass wir räumen müssen. Bis morgen Abend müssen wir alle raus sein", sagt sie. "Das hat es noch nie gegeben, dass wir wegenHochwasser schließen müssen." Auch weiter flussabwärts im Elbhotel in Bleckede schafft Stephanie Nothdurft alles, was sie tragen kann, in den ersten Stock. "Wir werden gleich mit Sandsäcken beliefert", berichtet sie. "Dann müssen wir alles mit Brettern vernageln und mit Folie abdichten." Die Hotelmitarbeiterin hat noch kein Hochwasser mitgemacht, sie schaut nach draußen, wo das Nass langsam steigt. "Das schaut so friedlich aus. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was da kommt. Aber die haben uns jede Hoffnung genommen. Im Erdgeschoss soll uns das Wasser bis zur Brust stehen."

Halten die Deiche in Niedersachsen?

„Die Helfer arbeiten jetzt Tag und Nacht und wir hoffen, dass sie bis Freitag fertig werden, dann wird das kritische Hochwasser erwartet“, sagte die Sprecherin des Landkreises Lüneburg, Frauke Noweck, am Mittwoch. Rund eine Million Sandsäcke sind angefordert und werden von unermüdlichen Helfern befüllt. Das Ziel: Auf einer Länge von 70 Kilometern soll der Elbdeich um etwa 30 Zentimeter erhöht werden. „Die Vorhersagen sind so, dass das Hochwasser die bestehenden Deiche übersteigen könnte.“ Ab Donnerstag sollen Deichwachen Tag und Nacht nach dem Rechten sehen.

Im angrenzenden Landkreis Lüchow-Dannenberg sollen 25 Kilometer Elbdeiche mit rund 1,2 Millionen Sandsäcken gesichert werden. Wie eine Sprecherin sagte, geht es vor allem um Abschnitte, wo die Deiche weniger hoch sind. Mehr als 2000 Helfer sind im Einsatz. Vorbereitet wird auch eine Evakuierung der historischen Stadtinsel in Hitzacker. 52 Anwohner müssen möglicherweise am Samstag ihre Wohnungen verlassen. Bis zu 12.000 Rinder und Schafe müssen außerdem abtransportiert werden. Überall sind freiwillige Helfer aufgerufen, mitanzupacken.

„Das Wasser rollt auf Niedersachsen zu“, sagte eine Sprecherin des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Wann genau die Elbe ihren Höchststand erreicht, ist unklar. Bereits jetzt steigt das Wasser, befindet sich aber noch auf unproblematischem Niveau. „Innerhalb der nächsten zwei Tage werden die Pegel aber rapide ansteigen“, sagte ein Sprecher des Einsatzstabes.

Ab Mittwoch bleiben im Landkreis Lüchow-Dannenberg sechs Schulen wegen des Katastrophenalarms geschlossen. Die Schulgebäude in Lüchow, Gartow, Clenze und Dannenberg werden zur Unterbringung von Einsatzkräften aus ganz Niedersachsen benötigt. Hunderte Schüler dürfen bis mindestens Freitag zu Hause bleiben. Mehrere Kreisstraßen an der Elbe wurden wegen den Vorbereitungen für den Verkehr abgeriegelt.

Katastrophenalarm in Lüneburg, Hilfe aus der Region Hannover

Im Landkreis Lüneburg herrscht Katastrophenalarm. Wegen der drohenden Elbeflut hat Landrat Manfred Nahrstedt (SPD) den Katastrophenfall festgestellt, wie die Kreisverwaltung am Mittwoch mitteilte. Damit übernimmt der Landkreis den Hochwasserschutz. Damit Einsatzkräfte die Deiche absichern können, verbietet der Landkreis den Bürgern, fortan die Deiche an Elbe, Sude und Krainke zu betreten oder zu befahren. „Schaulustige sind dort absolut fehl am Platz“, teilte Nahrstedt mit. Wer sich nicht von den Deichen fernhält, riskiert ein Bußgeld von bis zu 5000 Euro. Der Kreis sucht ehrenamtliche Helfer, um Sandsäcke zu füllen.

Hilfe für die Hochwasserbedrohten gibt es auch aus der Region Hannover: Seit 8.30 Uhr verstärken 130 Feuerwehrleute aus Burgdorf, Lehrte, Sehnde und Uetze den Elbdeich bei Dannenberg. Sie sollen mit 200.000 bis 300.000 Sandsäcken den Deich um einen Meter erhöhen. Um 2.30 Uhr waren sie von Burgdorf aus, wo sich die Feuerwehrbereitschaft des Brandschutzabschnitts IV in der Region Hannover getroffen hatte, mit 25 Fahrzeugen nach Dannenberg aufgebrochen.

dpa/Friedrich-Wilhelm Schiller

1744799174513517457541745944

Kommentare