Mittagsverpflegung

Beim Schulessen wird selten auf Religionen Rücksicht genommen

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Ein Studienprojekt soll die Voraussetzungen schaffen, dass Schüler verschiedener Religionen sich gemeinsam an den Mittagstisch setzen können.

Osnabrück - Jede zweite Schule in Deutschland muss mittlerweile ihren Schülern eine Mittagsverpflegung anbieten. Die Akzeptanz ist eher mäßig. Einer neuen Studie zufolge könnte das auch daran liegen, dass nur selten Rücksicht auf religiöse Speisevorschriften genommen wird.

Multikulti ist in vielen der rund 14 800 Ganztagsschulen in Deutschland angesagt. In der Mensa spiegelt sich das nicht wider. Das Mittagessen-Angebot wird auch nur mit mäßigem Erfolg angenommen. „Von den älteren Schülern nehmen nur noch 40 Prozent an der Schulverpflegung teil, bei den jüngeren sind es 70 Prozent“, sagt Reinhold Mokrosch. Der emeritierte evangelische Theologieprofessor hat sich in den vergangenen Monaten sehr intensiv mit der Akzeptanz des in den Schulen angebotenen Essens beschäftigt. Er ist in ein Studienprojekt der Hochschule Osnabrück eingebunden, das die Schulverpflegung unter dem Aspekt religiöser Speisevorschriften unter die Lupe genommen hat.

Ein sperriges Thema, räumt die Wissenschaftlerin Johanna-Elisabeth Giesenkamp ein. Schon der Titel des Buches, das Mitte Februar zur Bildungsfachmesse Didacta erscheinen wird, könnte in die Irre führen. „Inklusion durch Schulverpflegung“ heißt der Leitfaden. Dabei geht es aber nicht um das gemeinsame Miteinander von behinderten und nicht-behinderten Kindern, sondern um den gemeinsamen Mittagstisch von Schülern aus verschiedenen Religionen. „Inklusion“ bedeute, dass alle Menschen einbezogen werden sollen. „Das heißt eben auch, alle Kinder sollten an der Schulverpflegung teilnehmen. Manche Kinder sind aber ausgeschlossen“, sagt Giesenkamp. Und das könnte durchaus an bestimmten religiösen Regeln liegen.

Für Muslime und Juden ist etwa Schweinefleisch tabu. Aber es sei nicht damit getan, einfach allen Schülern pauschal ihr Schweineschnitzel von der Speisekarte zu streichen oder nur noch auf vegetarisches Essen zu setzen, betont Giesenkamp. „Das wäre unproduktiv.“ Schließlich solle die Akzeptanz bei allen gesteigert werden.

Zu beachten ist zum Beispiel auch, dass es für Muslime und Juden spezielle Schlachtvorschriften gibt. Die Tiere müssen geschächtet werden. Das Blut ist tabu, ebenso wie Alkohol. Nicht, dass in Schulkantinen Alkohol ausgeschenkt werde. „Aber mancher Aromastoff wird mit Alkohol hergestellt“, sagte die Ökotrophologin. Muslime dürfen solche Speisen nicht essen.

Für Juden sei auch die strikte Trennung von fleischigen und milchigen Speisen extrem wichtig. Eine Vorschrift, die das Kochen einer wirklich koscheren Mahlzeit sehr erschwere.

Manche dieser Vorschriften erscheinen Außenstehenden fremd. „Es geht uns auch darum, dass die Speisevorschriften ernst genommen werden“, sagt der Theologe Mokrosch. Es gebe religiöse Begründungen dafür, die die Kinder lernen und ernst nehmen müssten. Aber auch die Schulverpflegung ist seiner Ansicht nach ein Teil des Erziehungsauftrags der Schule. Im Idealfall sei es Unterrichtsthema und schaffe Verständnis und Respekt. Obwohl die Religionen in diesen Fragen trennten, müssten die Schüler zusammen an einem Tisch sitzen können. „Das ist ein Spagat, der möglich ist.“ Aber auch die nichtreligiösen Familien müssten ins Boot geholt werden. „Die wenigsten Schüler sind heute noch religiös“, konstatiert der Theologe.

Die Forscher wollen den Schulen nun den Leitfaden anbieten, mit Praxistipps, etwa zur Organisation der Küche. Auch Rezepte und Beispiel-Speisepläne sind enthalten. Flankiert wird das Ganze von Schulungsangeboten für Fachkräfte. Obwohl es noch keine konkrete Anfrage einer Schule gebe, wisse man seit einer Tagung im Herbst, dass das Interesse riesig sei, sagt Giesenkamp.

dpa

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