Entwicklung des Kali-Fördergebiets

Bergmannsfest im Bauerndorf

+
Foto:

Rethem - Das Aller-Leine-Tal erinnert sich an das „Kali-Fieber“: Entlang des Aller-Radwegs soll mit Logos und Wegweisern auf verbliebene Abraumhalden und anderes hingewiesen werden; auch geführte Radtouren könnte es geben.

Die Gaststätte „Glück auf“ in Groß Häuslingen ist noch in Betrieb. Doch die Geschichte des „Kali-Fiebers“, die sich dahinter verbirgt und die das Leben in den Bauerndörfern drastisch veränderte, geriet schon in Vergessenheit. Eine Projektgruppe aus den Landkreisen Heidekreis, Celle und Verden hat deshalb in Groß Häuslingen und acht weiteren Orten im Aller-Leine-Tal zwei Jahre lang nachgeforscht – gefördert von der Europäischen Union. Die Gruppe setzt nun die Ergebnisse so um, dass Einheimische und (Rad-)Touristen vieles dazulernen.

Von Ahnebergen (Kreis Verden) gut 75 Kilometer entlang der Aller nach Südosten bis Ovelgönne (Kreis Celle) zieht sich das ehemalige Kali-Fördergebiet, das nicht zuletzt „steinerne Zeugen“ zurückgelassen hat. Aus der Zeit des Kali-Booms vor rund 100 Jahren, nachdem die Eignung des Kalisalzes als Düngemittel entdeckt worden war, finden sich noch einige Betriebsgebäude, vor allem aber architektonisch auffällige Wohnhäuser: Doppelhausreihen der Arbeiter mit Wohnküche und mehreren Schlafzimmern, außerdem weiß verputzte Jugendstilvillen der Direktoren.

Projekt-Teilnehmer Gunther Schäffler aus Groß Häuslingen wohnt selbst in einem „Kali-Haus“. „Es war ein Utspann, eine Herberge für Bauern, die sich hier ihren Dünger abholten“, erzählt der frühere Lehrer. Der 74-Jährige hat eine private Sammlung zum Thema zusammengestellt und mit Schulprojekten und einer Ausstellung zum 100. Geburtstag des Kalibergbaus Anstöße gegeben, die ortsbildprägende Geschichte ins Bewusstsein zu holen.

Die in den drei Landkreisen verankerte Region Aller-Leine-Tal warb von der EU 100.000 Euro ein, die mit kommunalen und Sponsorenmitteln aufgestockt wurden. Zeitzeugen wurden gesucht, Dokumente darüber zusammengetragen, wie die Industrialisierung innerhalb weniger Jahre die Bauerndörfer veränderte. „Die Bevölkerung verdreifachte sich, die zugewanderten Bergarbeiter aus Schlesien und Thüringen brachten ihre Dialekte mit“, erzählt Koordinator Cort-Brün Voige, Samtgemeindebürgermeister in Rethem.

Von den Heidjern seien sie „die aus dem Osten“ genannt worden, erinnert sich die Tochter eines Bergmanns. Die Zugezogenen feierten aber sogleich beim Schützenfest mit, manche heirateten Bauern- oder Gastwirtstöchter. Doch sie hatten – neben einer Präferenz für die SPD – auch ihre eigene Kultur mitgebracht. „Beim Bergmannsfest präsentierten sie ihre Ausgehuniform mit schwarzem Federbusch-Hut“, berichtet der Historiker Stephan Heinemann, der die Erinnerungen in einem – kurz vor dem Abschluss stehenden – Buch zusammengeführt hat. „Stolz trugen sie die silbrig glänzende Spitzhacke.“

Aus dem Bergmannschor habe sich in Groß Häuslingen der noch heute bestehende Männergesangverein entwickelt. Jedoch werde auch von Schlägereien zwischen Arbeitern und Einheimischen bei Dorffesten berichtet.

Neue soziale Konflikte entstanden, als die Schächte in den zwanziger Jahren geschlossen wurden. Ein Teil der Arbeiter zog weg, viele aber beanspruchten Geld zum Lebensunterhalt von den damit überforderten Gemeinden. Erst ein Zuschuss vom Bergbaubetreiber entschärfte das Problem.Der Geologe Dieter Plöthner kümmert sich beim Projekt um die touristische Umsetzung. „Wir stellen zwölf große Informationstafeln auf“, sagt er. „Dazu kommen 32 Gebäudetafeln.“ Entlang des Aller-Radwegs soll mit Logos und Wegweisern auf verbliebene Abraumhalden und anderes hingewiesen werden; auch geführte Radtouren könnte es geben.

Der nächste Schritt bezieht das Erdölmuseum in Wietze mit ein – Öl- und und Kaliförderung lagen dicht beieinander. „In Wietze soll ein interaktives Geolabor entstehen“, kündigt Voige an. Der Rethemer Bürgermeister freut sich über das große Interesse an dem Projekt in der gesamten Region: „Der Zuspruch war beeindruckend.“

Der Kali-Boom

Der Beginn des weltweiten Kalibergbaus war 1851 in Staßfurt. Das Kaiserreich ließ vielerorts bohren und besaß bis zum Verlust des Elsass nach dem Ersten Weltkrieg ein Monopol auf den Dünger. Die Schächte zwischen Verden und Celle (in Ahnebergen, Hülsen, Klein und Groß Häuslingen, Grethem, Hope-Adolfsglück, Wietze-Steinförde, Hambühren und Ovelgönne) entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts und wurden Mitte der zwanziger Jahre aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen. In Hope wurde 1963 bis 1982 erneut Kali gefördert und zur Verarbeitung zum noch heute betriebenen Kaliwerk Bokeloh bei Wunstorf gebracht.

gs

Kommentare