Private Rettungsmission

Berliner will Flüchtlinge mit Kutter retten

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Hamburg - Der aus Berlin stammende Harald Höppner will nicht mehr mit ansehen, wie Flüchtlinge ertrinken. Er hat einen Kutter gekauft – und macht ihn nun im Hafen von Hamburg-Harburg mit mehr als 60 ehrenamtlichen Helfern flott für seine eigene Rettungsmission.

Hoch am Himmel über dem Harburger Hafen leuchtet weiß eine Möwe. Die Frühlingsbrise nimmt ihr alle Last der Fortbewegung, ohne eigenes Zutun lässt sie sich durchs Blau tragen – unbeeindruckt vom Lärm der Schweißgeräte, Bohrer und Hämmer hier unten, an Deck des Fischkutters, wo Männer mit Mützen und dicken Pullovern werkeln. Sie reden nicht viel. Jeder geht seiner Aufgabe nach. Schweißen, bohren, hämmern im Dieseldunst.

„Mare Nostrum“ im Mini-Format

Da fährt ein weißer Transporter an den Kai heran, und ein großer Mann steigt aus, grüßt laut mit tiefer Stimme. Die anderen schauen auf, sehen Harald Höppner, ihren Chef, und legen Schweißgeräte, Bohrer und Hämmer beiseite. Harald Höppner kommt gerade vom Einkaufen. Der Wagen ist voll mit Nudeln, Reis, Konservendosen. Die Männer machen sich daran, die Kartons und Paletten ins Schiff zu verladen. Arbeit, die ihnen sichtlich Freude bereitet. Wahrscheinlich, weil der Proviant das untrügliche Zeichen dafür ist, dass es bald los geht. Dass nach drei Monaten Plackerei an Deck die Leinen im Hafen von Hamburg-Harburg eingeholt werden und die „Sea Watch“ in See sticht.

Harald Höppner und seine Besatzung werden in wenigen Tagen mit dem flottgemachten Kutter ans Mittelmeer fahren. Sie werden zwischen den Küsten Maltas und Libyens patrouillieren. Dort wollen sie Ausschau halten nach Flüchtlingen, die bei der Überfahrt von Nordafrika nach Europa zu ertrinken drohen. „Wir werden ein ziviles Auge auf hoher See sein. Wir werden auf Flüchtlingsboote in Seenot aufmerksam machen und stellvertretend für sie Notrufe absetzen. Und weil wir unter deutscher Flagge fahren, wird keiner unser SOS-Signal ignorieren können“, sagt Höppner und stellt, noch ehe eine Frage in diese Richtung geäußert wird, gleich mal fest: „Ich bin kein Spinner.“

Was wäre wenn

Harald Höppner bittet zum Gespräch in seinen zum Wohnwagen umgebauten Unimog. Mit dem ist er mal nach Indien gefahren, Tausende Kilometer Landweg, seine Frau und die drei Kinder waren dabei. Die Familie lebt in einem brandenburgischen 300-Einwohner-Dorf, Tempelfelde, nahe Berlin. Von Schiffen und Seefahrt versteht Höppner nicht viel, „eigentlich gar nichts“, sagt er. Was ihn aber nicht an seiner Mission zweifeln lässt. Ohnehin nimmt sich jeder Zweifel kleinlich aus angesichts des großen Sterbens auf dem Mittelmeer – so sieht Harald Höppner das.

Er wuchs in Ost-Berlin auf, war 16 Jahre alt, als die DDR zu existieren aufhörte. Harald Höppner sagt: „Wenn die Mauer nicht gefallen wäre – wer weiß, ob ich mit 18, 20 Jahren nicht auch über die Ostsee in den Westen geflüchtet wäre.“ Solche Was-wäre-wenn-Fragen kamen ihm kürzlich wieder in den Sinn. Im Fernsehen liefen die Bilder vom Fest zur deutschen Wiedervereinigung vor 25 Jahren. Sie erschienen ihm irgendwie falsch, nicht ganz konsequent. „Wir feiern den Wegfall der innerdeutschen Grenze und bauen im Mittelmeer zur selben Zeit eine noch viel gewaltigere auf. Und Menschen, die aus Krieg und Elend kommen und diese Grenze überwinden wollen, lassen wir ersaufen.“ Deutsche Grenze, EU-Grenze – Harald Höppner unterscheidet da nicht: „Die EU – das sind 28 für ihr Tun und Lassen verantwortliche Staaten. Die EU-Außengrenze ist auch deutsche Grenze.“

Empörung über Flüchtlingspolitik

Die Flüchtlingspolitik der EU empört inzwischen viele Menschen. Sie stören sich am Widerspruch zwischen den feierlich hochgehaltenen Werten im Innern der Staatengemeinschaft und der Abwehr und Abschottung nach außen. Jede Meldung über im Mittelmeer ertrunkene Syrer, Eritreer und Somalier scheint dem Selbstverständnis Europas als Ort der Menschenrechte und der Freiheit zu spotten. Und doch bleiben das Leid an Europas Außengrenzen und die Empörung darüber ziemlich folgenlos.

Es gab die humanitäre Mis­sion „Mare Nostrum“ – eine Reak­tion der italienischen Marine auf den Tod von 366 Flüchtlingen im Herbst 2013 vor der ­Insel Lampedusa. Die Mission zur Seenotrettung von Flüchtlingen war teuer. Italien bat um Unterstützung. Doch die blieb aus, und „Mare Nostrum“ wurde im Herbst vergangenen Jahres eingestellt – just zu der Zeit, als das Fernsehen die Bilder von weißen Ballons zeigte, die zum Gedenken an den Mauerfall in den Berliner Nachthimmel aufstiegen. Und Bilder von Kurden, Syrern und Irakern auf der Flucht vor dem Tod, der in ihrer Heimat wütet. Die scheinbar zusammenhanglosen Beiträge brachten Harald Höppner auf die Idee mit dem Kutter.

Ein Kutter für 50.000 Euro

Höppner, seine Frau und ein Bekannter saßen abends in der Dorfkneipe. Jemand sagte, man müsse diesen Menschen doch helfen, und Höppner warf ein: „Wir brauchen ein Schiff.“ Die drei suchten im Internet – und staunten darüber, dass ein Hochseekutter schon für 50.000 Euro zu haben ist. „Eine Menge Autos, die auf Harburgs Straßen unterwegs sind, sind teurer als unser Schiff“, sagt Höppner. Er hat als Importeur und Verkäufer von asiatischen Möbeln und Textilien etwas Geld ansparen können. Höppner, seine Frau und der Bekannte legten zusammen, reisten nach Holland und kauften den Kutter – ein hölzernes Fischerei-Hochseeschiff, 1917 erbaut, in den letzten 30 Jahren allerdings ausschließlich als schwimmendes Domizil eines Rentnerpaares im Einsatz.

Höppners Idee wäre wohl bloß eine Idee geblieben, wenn der Mann mit den großen Augen und der sonoren Stimme nicht so viel Zuversicht ausstrahlen würde. Müsste, könnte, sollte – Wörter, die im Gespräch mitHöppner nicht fallen. Er macht einfach und sorgt dafür, dass sich sein Tatendrang herumspricht; zum Beispiel freuen ihn Medienanfragen. Mehr als 60   ehrenamtliche Helfer hat Höppner schon für sein „Mare Nostrum“ im Mini-­Format gewinnen können. Handwerker, Kapitäne, Ärzte und Anwälte, ohne deren Unterstützung die „Sea Watch“ nicht bald in See stechen und die nächsten drei Monate mit wechselnder Besatzung auf dem Mittelmeer unterwegs sein könnte. Einer der Helfer ist Tilmann Holsten, Steuermann aus Greifswald. Er hat Höppners Kutter aus Holland nach Harburg gebracht und in den Wintermonaten die Arbeiten an Bord betreut. Warum? Tilmann Holsten findet die Frage seltsam. Er sagt: „Es kann nicht angehen, dass Leute im Meer ersaufen.“

Platz für 500 Menschen

An Bord lagern Rettungsinseln für 500 Menschen und 1000 Schwimmwesten. Für den Ernstfall. Und für die Symbolik. Denn Flüchtlinge aufzunehmen und nach Europa zu bringen ist nicht die Absicht Höppners, das betont er. „Wir würden nur im Ausnahmefall Menschen an Bord nehmen. Unser Ziel ist es, alle Aufmerksamkeit auf die Not an Europas Grenze zu lenken.“ Dazu dient der große weiße Klotz an Deck: eine Satellitenanlage, die Livebilder vom Geschehen auf hoher See senden kann.

Nicht jeder findet gut, was Harald Höppner vorhat. Oft hört er, er arbeite mit seiner Aktion den Schleppern zu; er ermuntere Flüchtlinge geradewegs zu der gefährlichen Überfahrt. Höppner findet den Einwand lebensfern. „Ein Eritreer, der das ganze Geld seiner Familie erhalten hat, die Kriegsgebiete Afrikas durchquert und endlich das Mittelmeer vor Augen hat – der wird sich von den letzten 250 Kilometern bis zu seinem Ziel nicht schrecken lassen“, sagt Höppner. „Es gibt nun mal Menschen mit eisernem Willen.“

Höppner meint die jungen Migranten. Und wohl auch sich selbst.

Private Patrouillen auf See

Vorbild aus Malta: Harald Höppner und seine Helfer sind nicht die einzigen Privatleute, die zum Schutz von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer unterwegs sind. Ihr Vorbild ist eine privat finanzierte maltesische Stiftung namens „Moas“ – „Migrant Offshore Aid Sta­tion“. Die wohlhabenden Eheleute Christopher und Regina Catrambone gründeten „Moas“ im Jahr 2013, nach dem Tod Hunderter Menschen vor der italienischen Insel Lampedusa. Im vergangenen Sommer war „Moas“ erstmals im Einsatz – mit deutlich professionelleren Mitteln, als sie der deutschen Initiative „Sea Watch“ zur Verfügung stehen: „Moas“ besitzt ein 40 Meter langes Schiff, zwei kamerabestückte Drohnen und zwei Luftboote. Die Crew setzt sich aus 17 erfahrenen Rettern und Notärzten zusammen, Maltas ehemaliger Verteidigungsminister Martin Xuereb koordiniert deren Arbeit.

„Moas’“ Hauptanliegen ist es, Schiffe in Seenot ausfindig zu machen und die Seenotrettungsstelle zu informieren. „Moas“ und „Sea Watch“ berufen sich auf die Gesetze der internationalen Seefahrt, wonach jeder verpflichtet ist, in Seenot geratenen Schiffen zu helfen. Dazu stellt die ­„Moas“-Crew den Behörden Bildmaterial und Informationen zur Verfügung. Auf Anweisung nimmt die Besatzung auch Flüchtlinge auf und bringt sie an Land – „aber unser Ziel ist es in erster Linie, Leben zu retten, nicht Flüchtlinge von einem Ort zu einem anderen zu bringen“, heißt es in einer Mitteilung der ansonsten öffentlichkeitsscheuen Privatinitiative. Harald Höppner hat vor, mit „Moas“ zusammenzuarbeiten.

Beide Initiativen werden im Sommer auf der zurzeit tödlichsten Flüchtlingsroute patrouillieren. Nach Angaben der Vereinten Nationen starben auf der zentralen Mittelmeerroute im vergangenen Jahr mehr als 3400 Menschen.

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