Allein auf weiter Flur

Berufsschäfer macht sich für Jagd auf Wölfe stark

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Mit seinen Schafen verbindet ihn viel: In Wendelin Schmückers Familie wird seit 1720 Geld mit der Schafzucht verdient.

Winsen/Luhe - Schafzüchter Wendelin Schmücker glaubt, dass seine Zunft von Politik und Gesellschaft vergessen wird – zum Beispiel beim Thema Wolf. Er tritt für die Jagd auf Meister Isegrimm ein, denn für diesen gibt es nach seiner Meinung hier kein Lebensrecht.

Seit Jahren versucht er es mit Reden. Er ist mit Züchtern und Tausenden Schafen von Berlin nach Trier gezogen, um gegen Bürokratie und für mehr Unterstützung zu protestieren. Und seit Jahren werden die Wölfe mehr. „Irgendwann kann man es nicht mehr mit Blumen sagen“, meint Schafzüchter Wendelin Schmücker. „Die Wölfe stehen unter Schutz. Doch wer schützt die Schafe?“ In einem offenen Brief an Ministerpräsident Stephan Weil erklärte er unlängst: „Der Wolf ist ein Schädling und hat hier kein Lebensrecht.“

Das ist drastisch formuliert. Schmücker, der ein Sprecher der niedersächsischen Berufsschäfer ist, weiß das selbst. Aber ihm sei es darum gegangen, dass die Schäfer und ihre Tiere nicht von der Politik vergessen werden. „Grundsätzlich ist es ja ein schönes Ziel, den Wolf zu schützen. Doch dabei dürfen nicht die Folgen ignoriert werden – eine immer größere Bedrohung für die Schafe.“ Schmücker sagt das sehr gelassen und schaut unter seinem breiten Hut hervor, mit einem fast ebenso breiten Lächeln. Er scheint zu wissen: Er trifft einen wunden Punkt.

Der niedersächsische Wolfsberater Thomas Behling sieht dagegen kein Problem. Dass ein Schäfer Wölfen kritisch gegenüberstehe, könne er verstehen. „Aber es ist nicht so, dass jede Woche 30 Schafe gerissen werden.“ Bislang handelt es sich um Einzelfälle. Seit Ende 2008 sind in Niedersachsen knapp 120 Schafe durch Wolfsriss oder die Folgen gestorben. In Deutschland machten Schafe einen Anteil von weniger als einem Prozent der Nahrung eines Wolfes aus, sagt die Wolfsbeauftragte Britta Habbe. Ganz einfach deshalb, weil Wildtiere einfacher zu reißen seien.

Schmücker hilft die Statistik aber wenig. Wenn es seine Schafe trifft, ist er es, der sich mit dem Schaden auseinandersetzen muss. Er glaubt: Schäfer sind in Vergessenheit geraten, in der Gesellschaft, in der Politik – „vor allem, weil sie keine Lobby haben, anders als zum Beispiel die Pferdezüchter“.

Doch es tut sich etwas in der Politik. Noch in diesem Jahr sollen Schafhalter Geld für Elektrozäune und Zubehör beantragen können. Aufrüstungen, Neuanschaffungen von Schutzzäunen oder Herdenschutzhunden sollen ebenfalls gefördert werden – überall dort, wo sich der Wolf angesiedelt hat.

Schmücker ist das zu unkonkret. Er glaubt, dass das Land nur in Einzelfällen fördern wird. Das sei bereits jetzt so, mit den Billigkeitsleistungen, die auf freiwilliger Basis für gerissene Tiere gewährt werden und die, so sagt Schmücker, oft Monate auf sich warten lassen. Fest steht: Der Staat schützt den Wolf. Die Schafe muss der Schäfer beschützen, zunehmend auch vor dem Wolf.

150 Jahre lang galt Deutschland als wolfsfrei, bis 1998 Revierförster ein Paar auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz entdeckten. Der Grund für die Rückkehr: Wölfe stehen seit 1990 unter Naturschutz und dürfen nicht mehr gejagt werden.

Etwa 100 Euro für ein ganzes Schaf

Schmücker bedauert das. Seine Vorfahren hätten davon profitiert, dass Wölfe geschossen werden durften, sagt er und wirkt in Camouflage-Hose und grün-schwarzer Fleecejacke fast selbst wie ein Jäger.

Für Schmücker sind Schafe so etwas wie Schicksal, ein zunehmend trauriges: „Seit 1720 sind sie in der Familie“, sagt er. Die ersten Schäfer hätten noch mit zehn bis 20 Schafen ihren Lebensunterhalt verdient. Heute sei das undenkbar. Schmücker besitzt knapp 1000 Schafe, die er im Umkreis von 25 Kilometern um Winsen an der Luhe weiden lässt. Und er kommt gerade so zurecht, „weil die Wolle nichts mehr wert ist“. Viel Geld bekommt Schmücker selbst für ein ganzes Schaf nicht, etwa 100 Euro.

Solch ein Verlust sei noch zu verkraften. Was ihn mehr beunruhige, seien die Schäden, die durch einen Wolfsangriff entstünden und sich nicht zweifelsfrei auf einen Wolf zurückführen lassen, sagt der 38-jährige Schafzüchter. Zum Beispiel, wenn die Jungtiere krank würden, weil die traumatisierten Muttertiere nicht mehr genug Milch geben. Oder es zu Fehlgeburten komme. „Wer zahlt das?“ Für Fehlgeburten gebe es Entschädigung, für zu wenig Milch nicht, so die klare Antwort aus dem Umweltministerium, schließlich könne die Haltung daran schuld sein.

Bislang ist noch kein Schaf aus Schmückers Herde einem Wolf zum Opfer gefallen. Der Züchter glaubt jedoch, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Die Politik unternehme zu wenig. „Vielleicht muss erst ein Fohlen gerissen werden.“

Hagen Eichler

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