Endstation Knochenbrecher

Zu Besuch beim Pferde-Chiropraktiker

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„Drei Eier mehr frühstücken“: Tierchiropraktiker Tamme Hanken hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen.

Hannover - Tamme Hanken hat für viele Probleme eine einfache Lösung. Lahmt ein Pferd, greift der Ostfriese das Tier am Fesselgelenk und zieht am Hinterlauf, bis es knackt. Und im Umgang mit seinen Kunden hat Hanken immer einen guten Rat parat: „Drei Eier mehr frühstücken, dann kannst du deinen Gaul auch halten“, ruft er Hans-Otto Riemer, einem Pferdehalter aus Mecklenburg-Vorpommern, zu.

Riemer hat ganz offensichtlich Probleme, sein Pferd zu kontrollieren. „Du musst mit deinem Tier reden, nicht nur dumm rumstehen.“ Das hat gesessen. Riemer ist still und tut, was man ihm sagt. Hanken ist wohl Deutschlands berühmtester Chiropraktiker für Tiere, bekannt aus der NDR-Sendung „Der XXL-Ostfriese“. Tier und Halter hat Hanken fest im Griff, nur einige seiner Nachbarn nicht. Sie stören sich an den Besuchermassen, die mit Hankens zunehmender Bekanntheit an Wochenenden das kleine ostfriesische Dorf Filsum belagern.

Hans-Otto Riemer ist aus der Nähe von Rostock angereist, um seine Stute von Hanken behandeln zu lassen. Gut 400 Kilometer ist er mit dem Pferdehänger gefahren. Stress für Autofahrer und Tier – doch das sei es wert, sagt Riemer. Das Pferd ist spastisch gelaufen. Riemer setzt viel Hoffnung in die Arbeit von Tamme Hanken. Helfen Hankes kräftige Griffe nicht, geht es für das Tier zur Schlachtbank. Riemers Tierarzt konnte nicht mehr helfen, er hätte zu wenig Kraft, um die Blockaden lösen zu können. Ob die Behandlung in Hankens Pferde-Reha erfolgreich ist, vermag Riemer nicht zu sagen. Er ist nur einer von rund 15 Pferdehaltern an diesem Sonnabend, die in Filsum Rat suchen.

Tamme Hanken widmet sich an diesem Nachmittag auch einem braunen Araber-Hengst. Der Chiropraktiker bemängelt den Hufschlag des Pferdes. Immer müsse er die schlechte Arbeit der Schmiede ausbaden, sagt er. „Außerdem ist dein Tier ein Sonnenanbeter, und du lässt es tagelang im dunklen Stall stehen“, redet Hanken dem Halter ins Gewissen und empfiehlt eine UV-Lampe in den Stall zu hängen.

Manchmal aber sind die Dinge nicht so einfach. Eine Frau hat ihr kleines Pony mitgebracht, nicht zum ersten Mal. Das Tier quält sich, geht langsam. Hanken lässt es laufen, ist still, schüttelt den Kopf. Seine Anweisungen an seinen Auszubildenden spricht er auf Plattdeutsch, als solle nicht jeder verstehen, was nun passiert. Es passiert nichts, ein schlechtes Zeichen. Hanken nimmt die Halterin zur Seite und spricht mit ihr. Ganz in Ruhe, ohne derbe Sprüche. „Dem Tier ist nicht mehr zu helfen, die Entzündungen gehen nicht mehr aus dem Körper“, erklärt er später.

Vor zwei Jahren hat es der gelernte Landwirt aufgegeben, Menschen einzurenken. Es seien zu viele gewesen. Bis zu 400 Patienten kamen auf seinen Hof. Das Fernsehen hat ihn so bekannt gemacht, sagt er. „Menschen bringen auch ihren persönlichen Kummer mit in die Praxis.“

Zeit zur eigenen Regeneration nimmt Hanken sich auch heute nicht. Mittlerweile reist er durch Deutschland, am Wochenende praktiziert er in der eigenen Reha. Seine Frau sieht er meist nur dann. Ein Umstand, „mit dem man umgehen können muss“, sagt Ehefrau Carmen Hanken.

An manchen Tagen verflucht Tamme Hanken Fotohandys. „Häufig posiere ich mehr für Bilder, als dass ich zum Arbeiten komme.“ Doch vor seinen Besuchern gibt er sich gelassen. Auch wenn er sie nicht behandelt, kommen die Menschen in Massen, schauen auch mal ins Fenster des rot geklinkerten Hauses. Auf seiner Internetseite weist Hanken darauf hin, dass Besucher regelmäßig die wenigen Parkmöglichkeiten blockieren. Tatsächlich ist es so, dass sich auch Nachbarn und Anwohner in Filsum gestört fühlen.

Immer wieder kommt es vor, dass Filsumer im Vorbeifahren lautstark darauf hinweisen, dass die öffentliche Straße, auf der Hanken die Pferde laufen lässt, nicht ihm gehört. Auch Schrauben hätten Nachbarn auf der Straße verteilt, erzählt Carmen Hanken. Besonders nah ging Tamme Hanken der Tod seiner Pfauen. Dorfbewohner hätten die Vögel, die Hankes Hof einmal verlassen hatten und auf Privatgrundstücken und dem nahegelegenen Friedhof scharrten, vergiftet.

Filsums Bürgermeisterin Margret Schulte-Cramer will sich dazu nicht äußern. Sie findet die Reaktion vieler Dorfbewohner traurig – gibt sich aber diplomatisch und fordert mehr Rücksichtnahme von beiden Seiten. Hanken ecke mit seinen Sprüche eben an. Häufig sei es auch der Neid der Menschen. „Was Tamme macht, ist sehr gut zu ertragen für Filsum“, sagt Schulte-Cramer. Ihr Standpunkt überrascht nicht: Vor Behandlungstagen sind Ferienwohnungen und Pensionen in dem 2000-Seelen-Dorf ausgebucht.

dpa

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