Prozessauftakt in Hildesheim

Betäubt, missbraucht und gefilmt

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Foto: Ein Krankenpfleger des Klinikums Hildesheim soll mehrere Patientinnen betäubt und missbraucht haben.

Hildesheim - Was im Klinikum Hildesheim passierte, ist der Alptraum aller Eltern: Auf der Kinderstation soll ein Pfleger jahrelang junge Patientinnen narkotisiert und sexuell missbraucht haben. Jetzt steht der 36 Jahre alte mutmaßliche Serien-Sextäter vor Gericht.

Marc R. hat sich die Kapuze seines grünen Pullovers tief ins Gesicht gezogen, als er am Dienstag den Saal 134 am Landgericht Hildesheim betritt. Der 35-Jährige scheut die Blicke der Öffentlichkeit, wie er offenbar schon die Blicke seiner Opfer gescheut hat. Erst als die Fotografen den Saal verlassen, legt R. den Pullover ab und zeigt sein Gesicht. Er muss sich wegen Vergewaltigung, schweren sexuellen Missbrauchs und sexueller Nötigung von Kindern und Jugendlichen verantworten. Der Kinderkrankenpfleger hat sich über Jahre an denen vergangen, für deren Wohl er sorgen sollte. Ihm droht eine mehrjährige Haftstrafe und anschließende Sicherungsverwahrung.

Marc R. ist angeklagt, auf der Kinderstation des Klinikums Hildesheim mindestens sechs Kinder und Jugendliche im Alter von zehn bis 15 Jahren betäubt und sexuell missbraucht zu haben. An einem Mädchen hat er sich zweimal vergangen, auch ein Junge war unter seinen Opfern. Er hat die Taten gestanden.

Der Vorsitzende Richter Volker Heckemüller fragt Marc R. an diesem Morgen nach seinen Personalien. Der trägt vor, dass er ledig sei und keine Kinder habe. „Ich bin allein“, sagt Marc R. „Sie sind Krankenpfleger?“ „Gewesen, ja“, antwortet er.

Zumeist nachts, wenn er allein auf der Station war, soll sich Marc R. an den jungen Patienten vergangen haben. Der Pfleger hat seine Opfer mit Tabletten betäubt, entkleidet und vergewaltigt. Die Taten hat er gefilmt. In fünf weiteren Fällen hat er die Mädchen nackt fotografiert, ohne sich an ihnen zu vergehen. Die Wirkung der Tabletten soll ein bis zwei Stunden angehalten haben. Einige Kinder wissen bis heute nicht, was ihnen widerfuhr. Die Ermittler sprachen nach Sichtung des Foto- und Filmmaterials mit den Eltern. Und nicht alle Eltern haben ihren Kindern gesagt, was Pfleger Marc R. ihnen angetan hat. Fünf Kinder, deren Missbrauch Marc R. gefilmt hat, haben die Ermittler nicht identifizieren können. Denn R. hat die Gesichter seiner Opfer meist mit Tüchern verdeckt.

Eine junge Frau hat womöglich weitere Opfer verhindert. Marc R. hatte sie in Celle in einer Disco angesprochen und sich als Arzt ausgegeben. Er bat sie, bei ihr Blut abnehmen und sich dabei zu Ausbildungszwecken filmen zu dürfen. Sieben Frauen kam die Bitte nicht seltsam vor. Sie begleiteten ihn in seine Wohnung im rund 40 Kilometer entfernten Hannover, nahmen ihn mit zu sich nach Hause oder stiegen mit ihm in einen Wohnwagen nahe der Disco. Dass die Spritze, mit der er ihnen angeblich Blut abnahm, nicht leer, sondern mit Betäubungsmittel gefüllt war, bemerkten sie nicht. Marc R. injizierte den jungen Frauen dasselbe Mittel, mit denen er im Krankenhaus auch die Kinder per Tablette betäubte. In sechs Fällen vergewaltigte er die Frauen, in zwei Fällen berührte er sie unsittlich. Wieder filmte und fotografierte er die Übergriffe. Auch in diesem Fall haben die Ermittler noch nicht alle Opfer identifiziert.

Eine Frau zeigte den falschen Arzt schließlich wegen Titelmissbrauchs und Körperverletzung an. Als die Ermittler bei Marc R. nach Aufnahmen der Blutabnahmen suchten, fanden sie die Filme und Fotos der missbrauchten Kinder und Jugendlichen.

Im Gerichtssaal sitzt eine junge Frau dem Angeklagten an diesem Tag gegenüber. Sie nimmt als Nebenklägerin am Prozess teil, wie zwei weitere Opfer, die an diesem Morgen nicht anwesend sind. Marc R. vermeidet es, die Frau anzusehen. Sie wirkt, als belaste sie die Begegnung sehr. Was ihr widerfahren ist, sollte noch am ersten Tag vor Gericht zur Sprache kommen. Die Öffentlichkeit bekommt es nicht zu hören. Auf Antrag des Verteidigers werden die Zuhörer noch vor Verlesung der Anklageschrift aus dem Saal geschickt. Zum Schutz der Opfer, wie die Kammer entscheidet. Frühestens zum Urteil wird die Öffentlichkeit wieder zugelassen.

Das Klinikum Hildesheim erklärte, dass seit September 2011, seitdem die Klinik umgezogen ist, immer zwei Personen in der Nachtschicht arbeiten, „wodurch eine stärkere Kontrolle der Mitarbeiter untereinander gegeben ist“. Doch die letzte Tat von Marc R. geschah im Januar 2013, die erste im Juli 2009. Und das ist nur das, was die Ermittler wissen. „Es ist möglicherweise erst die Spitze des Eisberges“, sagt der Sprecher des Landgerichts. Marc R. arbeitete seit Januar 2005 als Pfleger in der Klinik.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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