Arbeit im Gefängnis

Gut bewacht an die Drehbank

+
Andreas Eberlei (links), Leiter der Schlosserei, und Helmut K., Insasse der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Oldenburg, stehen in in der Schlosserei an der manuellen Drehbank.

Oldenburg - Die Justizvollzugsanstalt Oldenburg ist eine kleine Volkswirtschaft hinter hohen Mauern geworden. Nur wenige Straftäter in Deutschland sitzen im Gefängnis lediglich ihre Zeit ab. Zehntausende arbeiten hinter Gittern.

Im Akkord lötet der junge Mann die schwarzen Sicherungsschalter zusammen. „1120 sind pro Tag vorgegeben“, erzählt er und schaut kurz von seinem Lötbrett auf. Weiße Rauchfäden steigen in sein Gesicht. „Aber ich schaffe meist 2000.“ An der Werkbank gegenüber stecken drei Arbeiter Metallköpfe auf kleine rote Kabel. Die Werkstatt ist geschäftig, hell und sauber. Nur die vergitterten Fenster erinnern daran, dass sie im Oldenburger Gefängnis liegt – die Freiheit ist 13 verriegelte Stahltüren und eine 6,5 Meter hohe Steinmauer entfernt.

Nur wenige Straftäter in Deutschland sitzen im Gefängnis lediglich ihre Zeit ab. Zehntausende arbeiten hinter Gittern. Sie helfen in der Wäscherei oder in der Gefängnisküche aus. Auch die JVA Oldenburg ist eine eigene kleine Volkswirtschaft hinter hohen Mauern –2,2 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete das Gefängnis. Sieben Mittelständler haben hier Werkhallen gemietet und lassen von Gefangenen Arbeiten verrichten. Die Sträflinge montieren Stecker für Automobilzulieferer, basteln an Komponenten für Kalbfütterungsanlagen und bauen Schaltschränke für Windkraftanlagen. Die Arbeit im Vollzug ist für die meisten Häftlinge ein Muss. Drückebergern drohen Disziplinarverfahren vom Einkaufsverbot bis zum Fernsehentzug. Die Arbeitslosigkeit hinter Gittern ist dennoch hoch – häufig bis zu 40 Prozent, auch weil Untersuchungshäftlinge und Rentner nicht arbeiten müssen. Einige Gefangene leiden unter Alkohol- oder Drogenproblemen, andere schwänzen. „Heute stehen 33 Mann auf der Liste, aber nur 23 sind hier“, ärgert sich Werkstattchef Guido Stolle über seine unzuverlässige Belegschaft.

Von Fachkräften kann in den Knastbetrieben kaum die Rede sein. Das weiß auch Schlossermeister Andreas Eberlei. Er leitet die Gefängnisschlosserei in Oldenburg. Rund ein Dutzend Häftlinge in blauen Overalls fräsen und schweißen hier für rund hundert Kunden aus der Region. „Mein bester Mann ist gelernter Heizungsinstallateur“, berichtet Eberlei. Die meisten Gefangenen haben dagegen keinen Schulabschluss. Das eher schwierige Personal stellt den Betriebsleiter jeden Tag vor neue Herausforderungen. „Die Drogenabhängigen stelle ich nicht an die Drehbank. Die sollen Schleifarbeiten machen, das ist ungefährlicher“, sagt Eberlei.

Trotz der Probleme liebt der Schlossermeister die Arbeit hinter Gefängnismauern. „Ich bin hier Vaterersatz, Rechtsanwalt, Pädagoge, Pastor, Kindergärtner und manchmal Zoodirektor“, erzählt er. Er spricht von „seinen Jungs“. Hakan ist einer davon. Der 32-Jährige versteckt sein Gesicht hinter einem schwarzen Schweißerhelm und beugt sich über einen Grillträger. „Die Arbeit ist ziemlich wichtig für draußen. Wenn man kein Geld hat, dann macht man Dummheiten.“ Gefangene verdienen im Schnitt einen Tagessatz von 11,94 Euro. „Davon kauf ich mir Shampoo, Kur und Spülung“, sagt Hakan, der Mann mit dem langen Pferdeschwanz. Verkaufsschlager der Oldenburger Schlosser sind Edelstahlgrills. Ursprünglich sollten sie gebaut werden, um die Gefangene mit den Werkstoffen vertraut zu machen. „Schweißen, Sägen, Blechbiegen – da ist ja alles dran, was ein Schlosser können muss“, erklärt Eberlei. Mittlerweile produzieren die Oldenburger mehr als 1000 Stück pro Jahr. „Wir sind restlos ausverkauft, ich komme mit der Produktion nicht nach.“

Von Nico Pointer

Kommentare