Prozess in Hildesheim

Bewährungsstrafen für Zeugen nach "Ampelmord"

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Foto: Justizbeamte durchsuchen einen Angeklagten im Landgericht in Hildesheim. Weil sie einen Mörder mit ihren Falschaussagen schützen wollten, stehen seit Anfang September acht Angeklagte in Hildesheim vor Gericht.

Hildesheim - Aus Angst vor einem mächtigen Familienclan haben acht Zeugen vor zwei Jahren bewusst falsch ausgesagt, um einen Mörder zu schützen. Weil die sechs Männer und zwei Frauen Geständnisse ablegen, muss keiner von ihnen ins Gefängnis.

Sie gaben einem Mörder ein Alibi, andere wollten von ihren früheren Angaben bei der Polizei nichts mehr wissen: Weil sie im sogenannten "Ampelmord"-Prozess bewusst falsch zugunsten des angeklagten Deutsch-Libanesen ausgesagt haben, hat das Landgericht Hildesheim sechs Männer und eine Frau zu Bewährungsstrafen zwischen 10 und 14 Monaten verurteilt.

Eine achte Angeklagte erhielt am Mittwoch nach Jugendrecht eine Betreuerin für ein Jahr. Der damals 38-jährige Deutsch-Libanese hatte gemeinsam mit einem Komplizen den Geliebten seiner Ehefrau an einer Ampel in Sarstedt erschossen. Das Gericht wertete die Tat vor zwei Jahren als Ehrenmord, der vom Familienclan beschlossen worden war.

Nach dem Urteil kam es im Juli 2012 zu heftigen Tumulten im Landgericht Hildesheim. Angehörige des 38-Jährigen bedrohten Richter, Staatsanwalt und die anwesenden Polizisten mit dem Tod. Die einflussreichen Clans der Mhallamiye-Kurden bereiten den Behörden in Niedersachsen seit längerem Kopfzerbrechen. Zuletzt fielen bei einem Clan-Streit vor dem Klinikum Lüneburg Schüsse.

Am Mittwoch gab es erhöhte Sicherheitsvorkehrungen im Landgericht, aber alles verlief ruhig. Die sechs Männer im Alter zwischen 30 und 51 Jahren sowie die beiden 21- und 22-jährigen Frauen mussten sich wegen Falschaussage und versuchter Strafvereitelung verantworten. Ihr Motiv war nach Überzeugung des Gerichts das subjektive Gefühl der Bedrohung durch den Familienclan.

Zwei Angeklagte berichteten von der Angst um ihre Kinder. Zwei andere hätten eher aus freundschaftlicher Verbundenheit den inzwischen rechtskräftig verurteilten Mörder entlastet, sagte der Vorsitzende Richter Volker Heckemüller in seiner Urteilsbegründung. Zum Prozessauftakt Anfang September hatten sich die Beteiligten auf einen Strafrahmen von 8 bis 16 Monaten unter der Bedingung verständigt, dass alle Angeklagten Geständnisse ablegen.

Nur dies habe ihnen Haftstrafen erspart, sagte Heckemüller. Schwer wiege, dass die sechs Männer und zwei Frauen versucht hätten, einen Mörder zu schützen. Der Mittäter - mutmaßlich der Schwager des 38-Jährigen - ist immer noch auf der Flucht. In ihren Schlussworten versprachen einige Angeklagten, sich bei ähnlichen Bedrohungssituationen künftig an die Polizei zu wenden.

"Der Familienclan hat großen Einfluss. Das weiß jeder mit Migrationshintergrund aus dem arabischen Raum", sagte die Verteidigerin eines Angeklagten, Souriana Iskandar. Wichtig sei, bei Migranten für mehr Vertrauen in die deutschen Behörden zu werben.

dpa

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