Durchsteigung der Eiger-Nordwand

Die Bezwinger der „Mordwand“

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Zwei Deutsche und zwei Österreicher waren vor 75 Jahren die Ersten, die sie bezwangen. Berg-Enthusiasten in aller Welt jubelten.

Grindelwald - Selbst wer nie auf den Eiger klettern würde, bekommt beim Anblick seiner Nordwand eine Gänsehaut. Als sie vor 75 Jahren erstmals bezwungen wurde, spielte auch Politik eine Rolle.

Eiseskälte selbst im Hochsommer. Andauernd prasseln Steine herab. Nebelwände versperren die Sicht. Immer wieder gefährliche Schneestürme und Lawinen. Die Eiger-Nordwand verzeiht Bergsteigern keinen Fehler. „Mordwand“ ist der Beiname dieser gigantisch-grimmigen Felsarena am 3970 Meter hohen Eiger. Zwei Deutsche und zwei Österreicher waren vor 75 Jahren die Ersten, die sie bezwangen. Berg-Enthusiasten in aller Welt jubelten. Und die Nazis in Berlin und Wien versuchten, den Erfolg für sich zu vereinnahmen.

Der 24. Juli 1938 war ein Sonntag. Überall in Europa saßen wohl gerade Familien bei Kaffee und Kuchen, als die vier Männer gegen 15.30 Uhr nach drei qualvollen Tagen den Eiger-Gipfel von der Nordseite her erreichten. Acht Alpinisten vor ihnen – und noch mehr danach – bezahlten diesen Versuch an der 1800 Meter hohen Nordwand mit dem Leben. Fast hätte auch das erste erfolgreiche Gipfel-Team noch ein solches Schicksal ereilt – die Münchner Andreas Heckmair (damals 32) und Ludwig Vörg (27), Heinrich Harrer (26) aus Kärnten und der Wiener Fritz Kasparek (28). Als sie den Grat direkt unter dem Gipfel erreichten, verloren sie im Nebel die Orientierung.

"Das wäre doch Pech gewesen“, schrieb Heckmair mit trockenem Humor in einem seiner Bergbücher. „Auf der Nordseite durchzukommen und über die Südseite abzustürzen, weil man den Gipfel übersehen hat...“ Bis heute ist die Magie der „Mutter aller Nordwände“ ungebrochen. Ein Grund ist, dass sich sogar Fußgänger einen Eiger-Gänsehaut-Kick verschaffen können: Von Grindelwald aus sind Aussichtspunkte mit Blick auf die „Mordwand“ leicht zu erwandern. Im Sommer 1938 war die Eiger-Faszination in Deutschland und Österreich freilich nicht nur ungleich größer als heute. Sie hatte auch eine politische Dimension.

Der Nazi-Propaganda kam es mit Blick auf den gerade erfolgten sogenannten Anschluss Österreichs sehr gelegen, dass die vier Bergsteiger, die getrennt gestartet waren, die berühmte Nordwand als gemeinsame Seilschaft erklommen. Vorwürfe, nach denen sie ihre Leistung im Dienst der Nationalsozialisten erbracht hätten, wiesen die Erstbezwinger später zurück. Die Huldigung Hitlers, der sich bei einem Empfang mit ihnen schmückte, nahmen sie entgegen – sie folgenlos zurückzuweisen, wäre für die Alpinisten wohl keine Option gewesen.

Am wenigsten hatte Ludwig Vörg von der Begeisterung der Nazis. Er fiel am 22. Juni 1941 – am ersten Tag des Überfalls auf die Sowjetunion – als Gefreiter der Wehrmacht. Der Münchner hatte schon 1937 eine Nordwand-Durchsteigung versucht, aber wegen eines Wetterumschwungs umkehren müssen. Seine Erfahrungen waren wichtig für den Erfolg der Viererseilschaft. Vörgs Freund Andreas Heckmair überlebte die Ostfront und setzte seine Bergsteiger-Karriere mit Expeditionen nach Afrika, in die Anden und den Himalaya fort. Auf seine Initiative wurde 1969 der Verband der Deutschen Berg- und Skiführer gegründet.Heckmaier – nach dem die Route der ersten erfolgreichen Nordwand-Seilschaft benannt wurde – starb 2005 mit 98 Jahren. Auch der Wiener Fritz Kasparek machte seine Kletter-Leidenschaft zum Beruf. 1954 übertrug man ihm die Leitung der Österreichischen Anden-Expedition in Peru. Dort kam er im selben Jahr bei dem Versuch um, den 6271 Meter hohen Salcantay zu besteigen.

Die wohl schillerndste Karriere hatte Heinrich Harrer, der 2006 mit 93 Jahren als letztes Mitglied des Eiger-Quartetts starb. Für den Skilehrer erfüllte sich 1939 der Wunsch, Mitglied der deutsch-österreichischen Nanga-Parbat-Expedition in Indien zu werden. Dort holte ihn der Weltkrieg ein: Harrer und der Expeditionsleiter wurden von der britischen Kolonialverwaltung interniert. Ihre Flucht, bei der sie innerhalb von 21 Monaten 31 Bergpässe und 2000 Kilometer zu Fuß bewältigten, führte sie nach Tibet. Harrer wurde zum Lehrer des elfjährigen Dalai Lama, des geistlichen und weltlichen Oberhauptes der Tibeter, und später zu einem seiner engen Freund. Ausgerechnet während Hollywood 1996 Harrers Weltbestseller „Sieben Jahre in Tibet“ mit Brad Pitt verfilmte, kam heraus, dass der Held wenige Monate vor der Durchsteigung der Eiger-Nordwand Mitglied der NSDAP und der SS geworden war. Harrer bekundete Reue, sprach von einem dummen Fehler, ideologischer Verirrung und opportunistischer Anpassung. Zu seiner Ehrenrettung trug bei, dass er nachweislich nicht an NS-Verbrechen beteiligt war.

Von Thomas Burmeister

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