Industrielle Tierhaltung

Billig und bio? Zu Gast beim Hühnerbauern

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Foto: „Das überblickt doch das einzelne Huhn gar nicht“: Auf dem Hühnerhof von Renke Onken legen 10 000 Hennen ihre Eier – und weil sie nach Belieben zwischen Stall und Freigehege wandeln dürfen, gelten sie als Freilandhühner.

Oldenburg - Billig und bio? Das geht nicht gleichzeitig, sagen die Leute in Vechta. Allein in ihrem Landkreis leben mehr als fünf Millionen Legehennen.

Wenn zehntausend Kehlen gleichzeitig gurren, verdichten sich die Laute zu einem einzigen, großen Geräusch. Es schwillt an und klingt ab, in unberechenbaren Zyklen, während Renke Onken durch das Meer aus braun-weißem Geflügel watet, das seine Füße umspült. „Siehste“, sagt der Bauer und rückt seine Schirmmütze zurecht, „so hören sich zufriedene Hühner an, vom Geräusch her.“

Es ist warm und eng in dem 65 Meter langen Stall nördlich von Oldenburg. Die Luft ist dick, der Gestank beißend, Spinnweben hängen im Schummerlicht an fensterlosen Holzwänden. Doch der 64-jährige Onken hat schon recht: Wie geschundene Kreaturen wirken seine Hühner nicht. Jedes Tier hat vier Quadratmeter Auslauffläche, die Klappen zur Wiese stehen tagsüber offen: „Da kann das Huhn selbst entscheiden, ob es gerade rausgehen will“, sagt Onken und nickt. Und deshalb dürfen die Eier der Freigänger ganz offiziell als Eier aus Freilandhaltung verkauft werden.

Es ist derzeit nicht leicht, einen Landwirt wie Onken zu finden, der nach all den Lebensmittelskandalen um falsch deklarierte Bio-Eier und Pferdefleisch in Tiefkühlgerichten oder Schimmelgift im Tierfutter noch Besucher in seinen Stall lässt. Erst recht nicht in Niedersachsens Nordwesten, wo der Bauer längst ein Produzent ist und die Tierhaltung eine Industrie. Schon die gesetzeskonforme Produktion von Lebensmitteln hat ja oft wenig gemein mit der Bauernhofidylle auf den Eierkartons im Supermarkt. In ländlichen Regionen wie hier steht das Image eines wichtigen Wirtschaftszweiges auf dem Spiel.

38 Legehennen pro Einwohner

Im Kreis Vechta zum Beispiel kommen auf jeden Einwohner 38 Legehennen, insgesamt 5 183 820 Stück. Der Landstrich ist, bildlich gesprochen, der Hühnerstall der Republik, und der Schweinestall noch dazu. Im Oldenburger Münsterland hat Massentierhaltung eine ganze Region reich gemacht: Die Arbeitslosenzahlen sind niedrig. Die großen Eierkonzerne, deren Hühner Hunderttausende zählen, sind gute Gewerbesteuerzahler. Dass mit „Eierproduzenten“ nicht die Hühner gemeint sind, sondern ihre Besitzer, versteht sich hier von selbst. Dazu kommen Eiermakler, Zwischenhändler, Eierzählmaschinenhersteller und Futtermittelverkäufer. Das Oldenburger Land hat seinen Hühnern viel zu verdanken.

Wahrscheinlich ist es deshalb ein so verschwiegenes Land im Moment. „Ich habe keine Hühner und kenne auch keinen, der welche hat“, sagt der direkte Nachbar eines fußballfeldgroßen Hühnerstalls im Dorf Kroge. „Die großen Eierproduzenten sitzen eher drüben bei Twistringen“, sagen sie in Lohne. „Die großen Eierproduzenten sitzen eher drüben bei Lohne“, sagen sie in Twistringen. Die großen Eierproduzenten wimmeln Presseanfragen ab: Der Chef ist auch nachmittags zu Tisch. Viele kleinere Stallbesitzer haben feste Verträge mit den großen Konzernen. Man ist lieber vorsichtig, niemand will sich unbeliebt machen. Geschlossene Gesellschaft.

„Das Ganze wird ja manchmal in den Medien auch ein bisschen gravierend dargestellt“, beschwichtigen die Arbeiter, die an „Rudis Imbiss“ in Lohne ihre Currywurst essen. „Jetzt hat der Staat 150 von denen am Wickel“, sagt auch der Tankwart in Vechta und schüttelt verärgert den Kopf. In Niedersachsen sollen 150 Betriebe deutlich mehr Hühner in ihren Ställen untergebracht haben als erlaubt. „Bio-Eier“ dürfen nur aus Ställen kommen, in denen nicht mehr als 3000 Hennen leben. Wer mehr hält und seine Eier trotzdem als „Bio-Eier“ verkauft, begeht einen Etikettenschwindel. Doch das halten viele hier für eine lässliche Sünde. „Wenn ich in meinem Stall ein paar Wände einziehe, darf ich sofort 12 000 Hühner halten, und alles ist bio“, empört sich ein Landwirt.

„Das Ei schmeckt doch nicht schlechter durch ein paar Hühner mehr“, sagt auch ein Obstbauer aus Langförden. Er sucht die Ursachen für den Etikettenschwindel eher in der Geiz-ist-geil-Mentalität der Käufer: „Billig, aber bio – da muss doch jedem klar sein, dass das nicht geht“, sagt er.

Es ist eben schwer zu sagen, was zuerst da war: die Massenhenne oder das Billig-Ei, das geschönte Angebot oder die naive Nachfrage. „Mit der Überbelegung von Ställen ist es doch wie mit dem Doping beim Sport“, winkt der Obstbauer ab. „Alle machen mit, weil alle mitmachen – und wer erwischt wird, hat leider Pech.“

Dass Stallbesitzer Renke Onken derzeit gut dasteht, ist indes mehr als nur Glückssache. Bio-Eier bietet er gar nicht an, und das Futter seiner Freilandhühner war frei von den Schimmelgiften, die vergangene Woche in Futtermais aus Serbien aufgetaucht waren – Onken kauft es bei Produzenten aus der Region. Er sagt das nicht so, aber eigentlich könnten ihm all die Skandale nur recht sein. Der Landwirt ist Selbstvermarkter, seit 40 Jahren. Er verkauft seine Eier auf dem Wochenmarkt. Skandale bedeuten, dass sein Umsatz steigt: „Eine Zeitlang wollen die Kunden dann immer wissen, wo die Eier herkommen“, sagt er. „Wissen, wo’s herkommt“ – das steht über seinen Ständen auf dem Markt, wo die Leute 25 Cent für eines seiner XL-Eier zahlen. Deutlich mehr als im Supermarkt.

Gleichwohl will auch Onken mit den Etikettenschwindlern von der Konkurrenz nicht zu hart ins Gericht gehen. „Ob da nun 3000 Hühner stehen oder ein paar mehr – das überblickt doch das einzelne Huhn gar nicht“, sagt er. Er erzählt vom enormen Kostendruck in der Branche. Davon, dass die Versuchung zu betrügen wohl gewachsen ist, weil die Futtermittelpreise im vergangenen Jahr drastisch gestiegen sind. „Früher hatten wir viereinhalb Cent Futterkosten pro Ei“, sagt er. „Jetzt sind es sechs.“ Jedes Huhn bekommt bei ihm am Tag 125 Gramm Mischfutter – Getreide, Mais, Soja. In der Branche rechnet man mit kleinen Kostenbeträgen. Mit kleinen Grammzahlen. Mit kleinen Gewinnspannen. Erst die Masse macht’s.

Auch die meisten Großstädter ahnen natürlich, dass ihre Frühstückseier nicht von einer grundgütigen Bauersfrau mit schwieligen Händen heimlich aus dem Strohnest geborgen und an der Kittelschürze blankgerieben werden, wenn die Henne gerade mal mit ihren Artgenossen auf dem Hof herumtollt. Doch wie industrialisiert heute selbst kleine Betriebe sind, wissen viele nicht.

In Renke Onkens Stall gibt es ein komplexes System aus Trichtern, Rohren und Förderbändern. Sechsmal am Tag läuft die Futterkette mit einer Getreidemischung durch die Reihen der Hühner. Aus langen Leitungen perlen Wassertropfen, die sich die Tiere herunterpicken können. Zum Eierlegen verziehen sich die Hennen in dunkle Kästen. Damit sie es sich dort nicht zu lange gemütlich machen, werden sie von Schaufeln, die an Schneeschieber erinnern, irgendwann automatisch sanft wieder herausbugsiert.

„Die Eier kullern aus den Nestern aufs Fließband“, sagt Onken. Jeden Morgen wirft er dieses Band an. Dann rollen die Eier in Maschinen; sie werden gewogen und automatisch nach Gewicht sortiert, sie passieren Lichtschranken und bekommen Aufdrucke mit der Kennziffer, über die jedes Ei bis zu seinem Herkunftsbetrieb zurückverfolgt werden kann. „Wir haben hier 9000 Eier täglich“, sagt Onken. Er weiß, dass das nach viel klingt. „Aber Oldenburg hat 160 000 Einwohner, und alle essen gerne Eier“, sagt er achselzuckend. Der Landwirt macht das Licht iwm Stall aus. „Natürlich, auch bei uns ist alles ganz klar durchmechanisiert“, sagt er. „Aber sonst würde das auch gar nicht gehen.“

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