Kreuzzüge und Missbrauchsskandal

Ein Bischof will beichten

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Geht weit zurück in der Geschichte: Der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle.

Hildesheim - Die Vergebung der Sünden ist ein großes Thema in der katholischen Kirche – am Aschermittwoch will Bischof Norbert Trelle selbst um Verzeihung bitten. Und zwar für die Fehler des Bistums Hildesheim in dessen immerhin 1200-jähriger Geschichte.

Einen vergleichbaren Schritt hat noch keiner von Norbert Trelles 69 Vorgängern gewagt. Die Ankündigung des Bistums Hildesheim für den besonderen Gottesdienst am Aschermittwoch hat bundesweit ein großes Medienecho ausgelöst. Doch wie kam es dazu, und was bedeutet das?

Tatsache ist: Trelles Bitte um Vergebung betrifft nicht nur ein bestimmtes Thema, schon das unterscheidet sie von vergleichbaren Aktionen anderer Kirchenführer. Etwa im Zuge der Missbrauchsskandale haben viele von ihnen auf unterschiedliche Weise um Verzeihung gebeten - besonders plastisch vor knapp fünf Jahren der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, der 2010 minutenlang vor dem Altar seines Doms auf dem Boden lag, um Demut zu bekunden.

Trelle will stehen bleiben. Aber, und das ist das Besondere, er geht weit zurück in der Geschichte, wie Bistums-Sprecherin Petra Meschede gestern auf Nachfrage ankündigte. Schon die Verwicklung in die Kreuzzüge will er ansprechen und als Fehler benennen, ebenso die Hexenverbrennungen im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit sowie die Rolle in Glaubenskriegen wie etwa dem Dreißigjährigen Krieg.

Mit Blick auf die im Verhältnis zur Bistumsgeschichte jüngere Vergangenheit will er auf die Aufrufe der Kirche zum Ersten Weltkrieg ebenso eingehen wie auf ihre Rolle im Nationalsozialismus - wobei sich der damalige Bischof Godehard Machens im Lauf des Krieges von einem vorsichtigen Unterstützer zu einem klaren Gegner der Nationalsozialisten wandelte und sich zunehmend Pöbeleien von SA und SS gefallen lassen musste. Er wurde auch von der Gestapo verhört, weil er sich für „das Recht jedes Menschen auf Leben“ einsetzte.

Zwiespältiger war da die Rolle von Adolf Kardinal Bertram. Der Mann, nach dem heute eine wichtige Straße in der Stadt benannt ist, verhielt sich gegenüber den Nazis verständnisvoller, verweigerte öffentliche Proteste gegen den Boykott jüdischer Geschäfte ebenso wie gegen die Rassegesetze. Allerdings war Bertram nur bis 1914 Bischof von Hildesheim, danach Fürstbischof von Breslau. Schließlich will Trelle bei seiner „großen Bitte um Vergebung“ auch noch einmal ausdrücklich auf Gewalt und Missbrauch in der Erziehung, etwa in katholischen Kinderheimen in der Diözese, eingehen.

Bistums-Sprecherin Meschede betonte, dass Trelle selbst den Anstoß zu der Aktion gegeben hatte: „Der Bischof hatte die Idee bei den Vorbereitungen zum Jubiläumsjahr. Er meint, wir können unsere 1200-jährige Geschichte nicht nur feiern, wir müssen auch zu unserer Schuld in dieser Geschichte stehen.“ Dabei wolle es der Geistliche auch nicht bei einer öffentlichkeitswirksamen Aktion belassen: „Der Bischof sagt in seinem diesjährigen Hirtenwort deutlich, dass es keinen Automatismus der Vergebung gibt.“ Nichts könne ungeschehen gemacht werden, betont Meschede. „Allerdings gibt es bei den Verfehlungen der jüngeren Zeit wie dem sexuellen Missbrauch die Möglichkeit, mit den Opfern in Kontakt zu treten. Wo wir Unterstützung leisten können, tun wir das.“ Auch mache zum Beispiel das Flüchtlingsprojekt von Bischof Trelle deutlich, „dass wir aus unserer Geschichte lernen wollen“.

Trelle plant das „öffentliche Schuldbekenntnis“ für den Aschermittwochs-Gottesdienst um 18.30 Uhr im Dom. „Er wird vor den Stufen des Altars stehen und in einer Schale Weihrauch auflegen als Zeichen dafür, wie unsere Reue zu Gott aufsteigt“, erklärt Meschede.

Von Tarek Abu Ajamieh

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