Ohnesorg-Todesschütze Kurras

„Bist du denn wahnsinnig, hier zu schießen?“

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Karl-Heinz Kurras, der Polizist, der den Studenten Benno Ohnesorg 1967 erschoss, bei einem Prozess, der im Jahr 2011 eingestellt wurde.

Berlin - Der Stasi-Spitzel Karl-Heinz Kurras erschoss am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg – jetzt wurde sein Tod in Berlin bekannt gegeben.

Selten nur rücken Aktenfunde ein historisches Ereignis in ein ganz neues Licht. Im Frühjahr 2009 war das der Fall. Als die junge Historikerin Cornelia Jabs in der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen über die Toten an der Mauer recherchierte, stieß sie auf eine 17-bändige IM-Akte, die eine brisante Information enthielt: Der ehemalige Westberliner Polizist Karl-Heinz Kurras, der am Abend des 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hatte, war jahrzehntelang Mitarbeiter der Stasi gewesen. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Kurras am 16. Dezember im Alter von 87 Jahren in einem Berliner Krankenhaus gestorben. Er wurde anonym bestattet.

Der gewaltsame Tod von Ohnesorg wirkte 1967 wie ein Fanal und sorgte für eine enorme Radikalisierung der bis dahin weitgehend friedlichen Studentenbewegung. Nach dem brisanten Aktenfund im Frühjahr 2009 kam schnell der Verdacht auf, dass die Stasi ihrem Mitarbeiter Kurras einen entsprechenden Auftrag gegeben hatte. Dafür fand sich aber kein Beleg. Seine Führungsoffiziere in Ostberlin waren offenbar eher erschrocken, dass Kurras, der als Waffennarr galt, sich derartig exponiert hatte. Nach dem tödlichen Schuss auf Ohnesorg wurde er als Spitzel „abgeschaltet“.

Film- und Fotomaterial, das von der Berliner Polizei jahrzehntelang unter Verschluss gehalten worden war, legt den Schluss nahe, dass Kurras den aus Hannover stammenden Studenten gezielt erschoss und die Tat von mehreren Polizisten aus nächster Nähe beobachtet wurde. In zwei Prozessen hatte er sich stets damit verteidigt, von dem späteren Opfer und anderen Studenten angegriffen worden zu sein und in Notwehr gehandelt zu haben. Auch wenn ihm die Gerichte nicht glaubten und die Tötung von Ohnesorg als „eindeutig rechtswidrig“ bezeichneten, sprachen sie ihn jedes Mal frei. Denn es sei nicht auszuschließen, dass er sich subjektiv in einer lebensbedrohlichen Lage geglaubt habe. Die beiden Freisprüche im November 1967 und im Dezember 1970 führten bei vielen Anhängern der Studentenbewegung zu einer weiteren Radikalisierung. Neben der RAF gründete sich auch die Terrorgruppe „Bewegung 2. Juni“. „Mit diesem Datum im Namen wird immer darauf hingewiesen, dass sie zuerst geschossen haben“, sagten die Gründer dieser Gruppe später.

Der 1927 in Ostpreußen geborene Kurras war nach Kriegsende 1945 wegen illegalen Waffenbesitzes in einem sowjetischen Straflager interniert worden. Nach seiner Entlassung 1950 trat er in den Westberliner Polizeidienst ein. Als er 1955 in die DDR übersiedeln wollte, überzeugten ihn die Ostberliner Behörden, bei der Polizei im Westen zu bleiben und dort als „Inoffizieller Mitarbeiter“ Informationen zu sammeln. Nach dem Mauerbau beantragte er die Aufnahme in die SED und trat zur Tarnung zeitgleich in die SPD ein. In einem internen Bericht bezeichnete ihn das Ministerium für Staatssicherheit als „sehr verliebt in Waffen“ und als „fanatischen Anhänger des Schießsports“.

Am 2. Juni 1967 kam es dann zur schicksalhaften Begegnung von ihm und Ohnesorg. Kurras war an dem Abend eingesetzt, um gegen junge Menschen vorzugehen, die vor der Deutschen Oper an der Berliner Bismarckstraße gegen den Besuch des Schahs von Persien demonstrierten. Unter ihnen war auch der 1940 in Hannover geborene Ohnesorg, der nach seinem Abitur in Braunschweig an der Berliner Freien Universität Romanistik und Germanistik studierte. Unstrittig ist, dass die Polizei damals die Strategie verfolgte, die Demonstranten erst einzukesseln und dann mit Schlagstöcken und berittener Polizei auseinanderzutreiben. Polizisten in Zivil, darunter auch Kurras, sollten „Rädelsführer“ ausfindig machen und festnehmen.

Nachdem die Kundgebung vor der Oper, wo der Schah mittlerweile Mozarts „Zauberflöte“ lauschte, von der Polizei auseinandergetrieben worden war, fand sich der 26-jährige Ohnesorg mit anderen Demonstranten und rund zehn Polizisten im Hinterhof eines Wohnhauses nahe der Oper wieder. Ein Student, der am Boden lag, wurde von drei Beamten verprügelt und getreten. Etwa um ­20.30 Uhr feuerte Kurras einen Schuss ab, der Ohnesorg aus eineinhalb Metern Entfernung in den Hinterkopf traf. Zeugen hörten, wie gleich darauf ein Beamter zu ihm sagte: „Bist du denn wahnsinnig, hier zu schießen?“ Kurras habe geantwortet: „Die ist mir losgegangen.“

Das wenig später aufgenommene Foto, auf dem eine junge Frau vor einem VW Käfer den Kopf des sterbenden Ohnesorg hält, ging um die Welt und wurde zu einer Ikone des Studentenprotests. Nach dem Aktenfund im Frühjahr 2009 räumte Kurras seine SED-Mitgliedschaft und indirekt auch seine Tätigkeit als IM ein, zeigte aber weiterhin keine Reue für den Tod Ohnesorgs. Ein neues Ermittlungsverfahren stellte die Berliner Staatsanwaltschaft schließlich ein.

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