Kita-Betreuung

Es bleiben drei Minuten pro Kind

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Foto: „Mir reicht es, wenn sich die Kinder wohlfühlen“: Mittagspause in der Kita des DRK in Emmerthal.

Hameln - Erzieher klagen über Zeitmangel und Raumnot. Gleichzeitig steigen von allen Seiten die Ansprüche an die Kindergärten. Ein Besuch in zwei Einrichtungen.

Kinder mit langer Kindergartenerfahrung erkennt man in der Grundschule ganz leicht, sagt Yasmin Götze. „Die können sich allein schnell an- und ausziehen und wissen nach dem Sportunterricht, ob die Schuhe unter der Bank ihre sind oder nicht.“ Kita mache Kinder selbstständig, sagt die zweifache Mutter. Zu Hause neigten Eltern dazu, ihren Kindern zu viel abzunehmen, meint sie. In einer Kindergartengruppe, in der sich zwei Erzieherinnen um 25 Drei- bis Sechsjährige kümmern müssen, ist für Butlerdienste keine Zeit.

Ihre mittlerweile neunjährige Tochter hat Götze mit drei Jahren in die Kita des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Emmerthal (Kreis Hameln-Pyrmont) geschickt, ihren heute vierjährigen Sohn schon mit zwei Jahren. „Er hat sich super entwickelt, viel besser als bei der Tagesmutter vorher“, sagt die 34-jährige Mutter. In den „Familiengruppen“ der DRK-Kita sind Kinder im Alter von ein bis sechs Jahren. Es gibt eine Gruppe, in der auch Kinder mit Behinderungen betreut werden. Viele Eltern, gerade auch von Kindern ohne Handicaps, entscheiden sich bewusst für die Integrationsgruppe, weil sie meinen, dass auch Kinder mit Beeinträchtigungen zum Alltag gehören sollten.

„Meine Tochter wird hier ganz normal behandelt, das ist toll“, sagt die Mutter eines behinderten Mädchens. „Noch nicht nach Hause gehen“, bittet die Dreieinhalbjährige. „Ich möchte noch mal schaukeln.“ Und schon saust sie wieder davon. Dass sie dabei ihr rechtes Bein nach sich zieht, fällt kaum auf. „Die Kleinen lernen von den Großen, aber auch umgekehrt“, sagt Leiterin Bettina Jürgens. „In Familiengruppen gibt es keine großen Brüche wie bei der klassischen Trennung von Krippen und Kindergärten.“

Die Ansprüche an das, was ein Kindergarten leisten soll, werden immer größer. In Emmerthal wollen die Eltern nicht, dass ihre Kinder kleine Mathe- oder Englischgenies werden. „Mir reicht es, wenn sich die Kinder wohlfühlen“, sagt Cristine Benze, Mutter eines vierjährigen Jungen und eines siebenjährigen Mädchens.

Die Ansprüche steigen, aber die Bedingungen sind seit Jahren mies. Das ärgert Kita-Mitarbeiter so sehr, dass sie jetzt in Niedersachsen eine Volksinitiative auf den Weg gebracht haben. Ihre Hauptforderungen: kleinere Gruppen und mehr Personal. „Nach den jetzigen Vorgaben bleiben pro Kindergartenkind höchstens drei Minuten in der Stunde“, sagen die Initiatoren der Initiative. Bei Krippen, wo sich zwei Erzieher um 15 Kinder kümmern, sind es gerade mal fünf Minuten.

Mehr Zeit fürs einzelne Kind - das ist auch der Hauptwunsch von Kathrin Kuhn, die seit 2004 in der DRK-Kita in Emmerthal arbeitet. „Es sind die kleinen Erfolge, die den Alltag bereichern“, sagt die Erzieherin. Geduldig übt sie mit den Kleinen, beim Mittagessen das Besteck zu benutzen, sich die Nudeln selbst auf den Teller zu füllen.

Kleinere Gruppen fordern auch die niedersächsischen Elternvertreter, die sich am Wochenende in Braunschweig zu einem Kongress getroffen haben. „Drei Betreuer in einer Krippengruppe, in der maximal zwölf Kinder sind, und nicht mehr als 20 Kinder in einer Kindergartengruppe“, sagt Gerald Kühn, Vorsitzender des Stadtelternrates der Kitas in Braunschweig. Raumnot macht vielen Kitas zusätzlich zu schaffen, verschärft wird dies durch den steigenden Bedarf an Betreuungsplätzen für unter Dreijährige. Das hat ganz praktische Folgen, gerade für Familiengruppen. „Wir essen jetzt in Schichten Mittag, die ganz Kleinen zuerst“, sagt Birgit Laabs, stellvertretende Leiterin einer DRK-Kita in Hameln, die 1973 als Betriebskita der Bausparkasse BHW gegründet wurde.

BHW hat seinerzeit das Kitagebäude errichten lassen und kümmert sich weiterhin um den Erhalt, liefert auch das Mittagessen. Von den ursprünglich 100 Plätzen standen dem Unternehmen einmal 70 zu. Heute beanspruchen BHW-Mitarbeiter nur noch 20 Plätze, Tendenz sinkend. Das Angebot soll dennoch erhalten bleiben, denn es sei ein Baustein im Bemühen des Unternehmens um eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sagt Maren Flemming vom Personalmanagement der Postbank, die BHW 2006 übernommen hat. Es gehe darum, die Mitarbeiter im Betrieb zu halten. Mehr als die Hälfte der 2500 Beschäftigten sind Frauen.

„Die Probleme in den Kitas sind seit Jahren bekannt“, sagt Andreas Bergmann, Kita-Experte beim DRK-Landesverband. Aber ändern würde sich nichts, meint der 63-Jährige. „Die Opposition sagt, wir würden gern, aber wir können nicht, die Regierung sagt, wir haben kein Geld, und die Verantwortung liegt bei den Kommunen, und die Kommunen sagen auch: ,Wir haben kein Geld.‘“

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