Sogenannter "Trauermarsch"

Blockade bremst Neonazis in Bad Nenndorf aus

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- Rund 180 Rechtsextremisten demonstrierten am Sonnabend in Bad Nenndorf – und ein breites Bündnis protestierte lautstark dagegen. Knapp 200 Linksaktivisten blockierten am Vormittag den Bahnhof – so dass die Neonazis zu Fuß von Haste nach Nenndorf kommen mussten.Das war in Bad Nenndorf los.

Der Hintergrund: Ein breites Bündnis mit etwa 700 Teilnehmern demonstrierte am Sonnabend in Bad Nenndorf gegen einen Aufmarsch von Rechtsextremisten. Auf insgesamt 350 schätzt die Polizei die Zahl der autonomen Linken. Rund 180 Neonazis hielten einen "Trauermarsch" in der Kleinstadt bei Hannover ab. Im dortigen "Wincklerbad" befand sich von 1945 bis 1947 ein britisches Verhörzentrum und ein Gefängnis für Nationalsozialisten. Die Polizei war mit 1200 Beamten im Einsatz.

+++ Rechtsextremisten versammeln sich am "Wincklerbad": Um kurz vor 14.30 Uhr setzte sich der Zug aus knapp 200 Neonazis in der Innenstadt in Bewegung, nach rund 20 Minuten erreichten sie das Wincklerbad – und wurde dort von Gegendemonstranten lautstark begrüßt. An mehreren Stellen hatten der Polizei zufolge Linksextreme vergeblich versucht, durch die Absperrungen zu brechen. Während der Reden am Wincklerbad fielen nach Angaben derSchaumburger Nachrichten Sätze wie"Der Holocaust ist mir scheißegal." Die Versammlung endete um kurz nach 16 Uhr, die Rechtsextremen wurden von der Polizei zurück zum Bahnhof begleitet. Gegen 16.45 Uhr wurde der "Trauermarsch" offiziell für beendet erklärt und die Teilnehmer reisten aus Bad Nenndorf ab. Mit dem Eintreffen der Neonazis hatte offiziell auch der "Spendenlauf" der Aktion "Rechts gegen Rechts" begonnen. Für jede Minute, die die Neonazis in der Kurstadt verbrachten, soll Spendengeld an die Organisation "Exit" fließen, die Aussteiger aus der rechten Szene unterstützt. Unbestätigten Informationen zufolge sollen mehr als 2000 Euro zusammengekommen sein.

++ Linksaktivisten blockieren Ankunft der Rechtsextremen: Am Bahnhof in Bad Nenndorf versammelten sich laut Schaumburger Nachrichten bereits am Vormittag rund 200 Linksaktivisten, die gegen den Neonazi-Aufmarsch protestieren wollen. Mit der Blockade hatten die Demonstranten den Aufmarsch von Rechtsradikalen zunächst ausgebremst. Die linken Aktivisten hatten bei der Ankunft in Bad Nenndorf die Türen der S-Bahn blockiert und so die Abfahrt verhindert, teilte die Polizei mit. Während Beamte den Bahnsteig räumten, konnte der nachfolgende Zug, mit dem die Neonazis anreisen wollten, nicht fahren. Von Haste aus traten deshalb rund 100 Rechtsextreme unter Polizeibegleitung den rund sieben Kilometer langen Fußmarsch nach Bad Nenndorf an. Als die Polizei die Blockade des Bahnhofs zwangsweise auflöste, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Nach Polizeiangaben griffen Linksextremisten die Einsatzkräfte an. Daraufhin wurde vonseiten der Polizei Pfefferspray eingesetzt. Nach einem Böllerwurf wurden nach Polizeiangaben zwei Einsatzbeamte verletzt.

++ Ankunft der Rechtsextremisten: Die ersten Neonazis waren um kurz nach 11 Uhr am Bahnhof in Haste angekommen. Nach ersten Schätzungen waren es rund 40 Personen. Um kurz vor 14 Uhr stießen die zu Fuß aus Haste angereisten Demonstranten dazu. Insgesamt waren rund 180 Personen aus dem rechten Spektrum versammelt. Nach technischen Problemen mit ihrem Generator für das Mikrofon begann die Versammlung offiziell um kurz vor 14.30 Uhr.

++ Bürgerprotest bereits am Vormittag: "Egal, wie oft ihr noch kommt, wir werden schon da sein." Mit Liedern und Redebeiträgen begannen Gegendemonstranten gegen 10 Uhr ihren friedlichen Protest. Beinahe zeitgleich hielt der Deutsche Gewerkschaftsbund an einem jüdischen Gedenkstein eine Kundgebung ab. Die Polizei spricht von 380 Teilnehmern. Nach der Kundgebung zogen die Teilnehmer durch die Innenstadt.

++ Gottesdienst gegen Rechts: Die Bürgerproteste gegen einen Aufmarsch von Rechtsextremisten hatten am Morgen mit einem ökumenischen Gottesdienst begonnen. Der ehemalige Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Schindehütte, bezeichnete den sogenannten Trauermarsch der Neonazis als "eine perverse Verdrehung der Wirklichkeit und böse Propaganda". Es sei eine menschliche Pflicht und ein Anliegen aller Demokraten, "dem mit offenem Herzen entschieden entgegenzutreten", sagte der evangelische Theologe.

++ Demo legt Verkehr lahm: Die Bahnhofstraße in Bad Nenndorf blieb wegen der Neonazi-Demo vom Bahnhof bis zur Ecke Wilhelmstraße für den Straßenverkehr für mehrere Stunden komplett gesperrt. Die Sperrung wird nach Abzug der Demonstranten wieder aufgehoben, die Gruppe der Neonazis muss sich bis spätestens 18 Uhr aufgelöst haben. Eine Umleitung ist ausgeschildert. In Zusammenhang mit der Gegendemonstration kommt es nach Aussage der Polizei nur zu vorübergehenden Sperrungen.

Die Routen der Demonstrationen auf einen Blick. Weitere Detail-Informationen finden Sie hier (externer Link).

Quelle: Grafik: Elze/SN

Stichwort: Wincklerbad Bad Nenndorf

Das "Wincklerbad" in Bad Nenndorf ist seit 2006 das Ziel für "Trauermärsche" von Neonazis. In dem früheren Kurbad, das heute Arztpraxen beherbergt, befand sich von 1945 bis 1947 ein Internierungslager und Verhörzentrum der britischen Armee für Nazis. In dem Lager sollen zahlreiche Gefangene gefoltert worden sein, es gab mindestens drei Todesopfer. Die Misshandlungen wurden nach Angaben von Historikern damals vom britischen Staat umgehend geahndet und von der Öffentlichkeit verurteilt.

Insgesamt waren im Wincklerbad mehr als 400 Männer und Frauen inhaftiert, unter ihnen SS-Obergruppenführer Oswald Pohl (1892-1951). Pohl war als Chef des "SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes" maßgeblich an der Organisation der Konzentrationslager und des Holocaust beteiligt. Er wurde 1947 in Nürnberg als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt und 1951 hingerichtet.

Die Rechtsextremisten haben bis 2030 Märsche zum Wincklerbad angemeldet. Ein Bürgerbündnis befürchtet, dass sie Bad Nenndorf zu einer Wallfahrtsstätte machen wollen, um die Nazi-Verbrechen zu verharmlosen. Nachdem 2011 das Grab des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß im oberfränkischen Wunsiedel aufgelöst wurde, ist Bad Nenndorf eines der letzten möglichen Ziele für Neonazis. In den vergangenen Jahren hat das Interesse an dem "Trauermarsch" in der rechten Szene nach Angaben der Polizei allerdings merklich nachgelassen.

epd/mic/SN

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