Terrorgefahr

Die Bombenbauer von Oberursel

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Foto: Sprengstoffexperten und Beamte der Spurensicherung arbeiten in Oberursel vor einer Wohnung in einem Appartmentkomplex. Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei hatte in den frühen Morgenstunden einen Mann und eine Frau festgenommen.

- Dank des Tipps einer Baumarktverkäuferin entgeht Deutschland knapp einem Terroranschlag – doch die Gefahr durch radikale Einzeltäter wächst. Der Fall zeigt, wie berechtigt die jüngsten Warnungen von Sicherheitsexperten offenbar sind.

Sie wollten harmlos wirken. An der Hand die beiden Kinder, so betraten Halil und Senay D. am Nachmittag des 31. März die Hornbach-Filiale im Frankfurter Stadtteil Nieder-Eschbach. Ein ganz normales muslimisches Ehepaar mit einer Vorliebe für bürgerliche Gartengestaltung. Sie wollten den Teich hinter ihrem Haus mal richtig saubermachen, erklärten sie der Baumarktverkäuferin. Dazu hätten sie gern Wasserstoffperoxid, drei Liter bitte, und noch etwas Spiritus.

Die Verkäuferin bat um die Personalien. So ist es vorgeschrieben, weil die Chemikalie zwar durchaus als Reinigungsmittel üblich ist – aber nicht in diesen Mengen. Weil ihr die Erklärungen des Paares aber eigenartig vorkamen und der Mann ihr auch keinen Ausweis zeigte, verkaufte sie ihnen zwar die Flaschen, rief danach aber noch bei der Polizei an. Es war ein Entschluss, der möglicherweise sehr vielen Menschen das Leben rettete. Sie habe sich sehr aufmerksam verhalten, lobte die Polizei am Donnerstag die Frau aus dem Baumarkt. Ihr Hinweis war entscheidend.

Denn einen Teich, so stellten die Beamten bei der Überprüfung rasch fest, besaß das in einem Mehrfamilienhaus in Oberursel lebende Paar gar nicht. Der Name, den Halil D. im Baumarkt genannt hatte, war falsch. Die Polizei beobachtete das türkischstämmige Paar – und griff in der Nacht zu Donnerstag zu. In der Wohnung fanden die Beamten unter anderem eine einsatzbereite Rohrbombe, 100 Schuss Munition, Teile eines Sturmgewehres sowie Azeton, eine Glühbirne und weitere Kanister und Behälter mit Flüssigkeiten – alles Bestandteile, die man braucht, um den von Islamisten häufig benutzten Sprengstoff TATP herzustellen. Das Ziel des Paares war offenbar ein Anschlag auf das Radrennen „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“, das gestern stattfinden sollte – und bei dem normalerweise Zehntausende Zuschauer die Strecke säumen. „Nach allem, was wir zum jetzigen Zeitpunkt wissen, haben wir ein Anschlagsgeschehen verhindert“, sagte der Polizeipräsident für Westhessen, Stefan Müller, in Wiesbaden.

Der Fall zeigt, wie berechtigt die jüngsten Warnungen von Sicherheitsexperten offenbar sind. Dass Deutschland ein Zielgebiet islamistischer Terroristen ist, dass also auch hier Anschläge drohen, darin sind sie sich einig. Die Absage des Karnevalsumzugs in Braunschweig im Februar etwa belegt, dass die Behörden diese Bedrohung auch hier für real halten. Die größte Gefahr scheint dabei aber nicht unmittelbar von Terrorgruppen wie dem „Islamischen Staat“ oder Al-Kaida auszugehen – sondern von Einzeltätern mit allenfalls loser Bindung an die großen internationalen Strukturen, die oft allein in ihrem Kämmerlein alles planen, gern hinter bürgerlicher Fassade leben und von den Sicherheitsdiensten kaum zu bemerken sind. Der „einsame Wolf“ ist das Horrorszenario der Sicherheitsdienste. „Falls so jemand einen Anschlag verübt, ist das wie ein Amoklauf“, sagt etwa der Politik- und Islamwissenschaftler Thorsten Gerald Schneiders. „Das kann man kaum vorhersehen.“

Dies belegen auch die großen erschreckenden Anschläge der vergangenen Jahre. Das Szenario in Oberursel mit einer Sportveranstaltung als Ziel erinnert vor allem an das Attentat auf den Boston-Marathon 2013, als drei Menschen getötet und mehr als 260 verletzt wurden. Die beiden Täter, die Brüder Tamerlan und Dschochar Zarnajew, stammten aus Dagestan, lebten aber nach außen weitgehend das ganz normale Leben amerikanischer Studenten. Den Sprengstoff füllten sie in Schnellkochtöpfe und trugen ihn in Rucksäcken zum Ziel. Ob bei den Anschlägen zuletzt in Kopenhagen, auf einen britischen Soldaten 2013 in London oder auf zwei amerikanische Soldaten 2011 in Frankfurt – stets handelte es sich um Einzeltäter, die kaum im Vorfeld zu entdecken sind. Experten nennen sie manchmal auch „Nike-Terroristen“ – nach dem Werbespruch des Sportartikelherstellers: „Just do it“, zu Deutsch „Tu es einfach“.

In Oberursel hat Deutschland wohl einfach noch mal Glück gehabt. Die Aufdeckung verdankt sich der Geistesgegenwart einer Verkäuferin – und den Anfängerfehlern von Halil D. beim Kauf der Bombenzutaten. Dabei war der 35-Jährige mit deutscher Staatsangehörigkeit den Behörden offenbar sogar bekannt, ebenso wie seine 34-jährige Frau. Nach Recherchen der „Welt“ hatte D. bereits einmal losen Kontakt zur „Sauerland-Gruppe“, die 2007 für ihre geplanten Attentate ebenfalls einen Sprengstoff auf Wasserstoffperoxid-Basis verwenden wollte. Die hessische Polizei führte das Paar nach Erkenntnissen der „FAZ“ in einer Islamistendatei, die allerdings mehrere Hundert Namen enthält. Das Ehepaar D. habe dort in einer Gefährdungskategorie „mittel“ gestanden. Einen Anschlag trauten die Behörden ihnen bis zu dem Hinweis offenbar eher nicht zu.

Das lag wohl auch an der eher bürgerlich anmutenden Fassade. Junge Männer mit Syrien-Erfahrung, internet-affin und radikal, das passt ins Muster. Aber ein Ehepaar mit zwei- und vierjährigen Kindern? Das Viertel in Oberursel, in dem die Familie lebte, wirkt gepflegt, in dem Haus wohnten früher US-Soldaten. Es gibt eine Apotheke, Supermarkt, einen Buchladen, die Waldorfschule ist nicht weit. Kontakt zu Nachbarn pflegten die D.s aber anscheinend nicht. Gegenüber der Nachrichtenagentur dpa erinnern sie sich an den Bart des Mannes und an die Vollverschleierung der Frau, die bei ihren Besuchen mit den Kindern auf dem Spielplatz auch Handschuhe getragen haben soll. Von einer Arbeitsstelle des Mannes oder der Frau ist nichts bekannt.

Nach dem Hinweis aus dem Baumarkt überwachte die Polizei das Paar – und stellte fest, dass sich der Mann stark für den Streckenverlauf des 206 Kilometer langen Radrennens durch den Taunus interessierte. Welche Stelle genau er sich vorgenommen hat, weiß die Polizei aber bislang offenbar nicht. Das Rennen führt auch am Haus der D.s in Oberursel vorbei. In der Nacht zu Donnerstag nahm ein Spezialeinsatzkommando der Polizei dann die Eheleute fest. Die Kinder kamen in die Obhut des Jugendamtes. Am Donnerstagabend wurde das Radrennen zur Sicherheit abgesagt.

Grund dafür ist, dass die Polizei nicht ausschließen kann, dass das Paar möglicherweise doch Komplizen hat, die die Pläne der Verhafteten noch umsetzen könnten. Hunderte Hobbyradfahrer ließen sich davon jedoch nicht abschrecken: Sie gingen trotzdem auf die Strecke. Ein Teilnehmer hatte „Gegen Gewalt – Frieden auf Erden“ auf sein Trikot geschrieben. Es war sein ganz persönliches Zeichen gegen die Bedrohung durch den Terror.

Von Friedemann Kohler, Bernd Glebe und Thorsten Fuchs

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